Die USA und Taiwan haben sich auf einen weitreichenden Rahmen für neue Investitionen in den Vereinigten Staaten verständigt, der die globale Halbleiterindustrie nachhaltig verändern könnte. Im Kern steht eine klare Erwartung Washingtons: Taiwan soll künftig bis zu 40 Prozent seiner Chipproduktion in den USA ansiedeln. Andernfalls drohen erneut deutlich höhere US-Zölle, die nicht nur taiwanische Produzenten, sondern auch große amerikanische Technologiekonzerne empfindlich treffen würden.
Nach Angaben aus Regierungskreisen geht es insgesamt um bis zu 500 Milliarden US-Dollar. Davon sollen 250 Milliarden US-Dollar als direkte Investitionen taiwanischer Unternehmen in den Ausbau von Produktions- und Innovationskapazitäten in den USA fließen. Weitere 250 Milliarden US-Dollar sind als Kredite aus Taiwan vorgesehen, mit denen taiwanische Firmen ihre US-Aktivitäten ausweiten. Die Einigung ist politisch brisant, weil sie nicht nur wirtschaftliche, sondern auch sicherheitspolitische Motive berührt: Taiwan hofft, durch Entgegenkommen den Rückhalt der USA zu festigen – vor dem Hintergrund des anhaltenden Drucks aus China.
Ein erheblicher Teil der direkten Investitionen ist bereits angestoßen. Der weltgrößte Auftragsfertiger TSMC hat rund 100 Milliarden US-Dollar in den Bau erster Halbleiterfabriken im US-Bundesstaat Arizona investiert; weitere Werke sind geplant. Diese Summe wird auf die genannten 250 Milliarden angerechnet, wie aus Unterlagen des US Department of Commerce hervorgeht. Ziel sei es, Kapazitäten in den Bereichen Halbleiter, Energie und Künstliche Intelligenz aufzubauen und zu erweitern.
Zoll-Druck, ambitionierte Ziele und offene Fragen
Der Deal ist eng mit der US-Zollpolitik verknüpft. US-Handelsminister Howard Lutnick hatte zuletzt mit Zöllen von bis zu 100 Prozent gedroht, falls Taiwan nicht umfassend investiert. Diese würden indirekt auch US-Konzerne wie AMD, Apple, Nvidia und Qualcomm treffen, da sie ihre Prozessoren, GPUs und Beschleunigerchips überwiegend bei TSMC fertigen lassen. Lutnick sprach von den möglichen Strafzöllen offen in einem CNBC-Interview.
Im Gegenzug sollen die bestehenden Zölle für Taiwan weiter sinken. Nachdem die Trump-Regierung zunächst 32 Prozent auf viele Produkte erhoben und später auf 20 Prozent reduziert hatte, ist nun von einem Regelsatz von 15 Prozent die Rede. Für einzelne Kategorien – darunter Generika und deren Wirkstoffe, Flugzeugkomponenten sowie nicht verfügbare natürliche Ressourcen – sind sogar Nullzölle vorgesehen. Bei Halbleitern sollen Ausnahmen an die US-Produktion gekoppelt werden: Auftragsfertiger dürfen künftig das 2,5-Fache der in den USA produzierten Chipmenge zollfrei importieren.
Washington verfolgt damit ein ehrgeiziges Ziel. Lutnick spricht von „gigantischen Halbleiter-Industrieparks“ in den USA und davon, dass Taiwan langfristig 40 Prozent aller Chips dort herstellen solle – inklusive der zugehörigen Lieferketten. Branchenexperten bezweifeln jedoch die Umsetzbarkeit. Die Anlagen müssten noch während Trumps laufender Amtszeit, also in etwas mehr als drei Jahren, gebaut und in die Serienproduktion überführt werden – ein extrem ambitionierter Zeitplan.
Zudem gibt es deutliche Differenzen in der öffentlichen Kommunikation. Taiwans Wirtschaftsminister Kung Ming-hsin erklärte gegenüber lokalen Medien, dass bis 2036 ein US-Anteil von rund 20 Prozent realistisch sei – und zwar ausschließlich bei fortschrittlichen Chips ab der 5-Nanometer-Generation. Von den von Lutnick genannten 40 Prozent sei man weit entfernt.
Hinzu kommt politische Unsicherheit. Der Rahmenplan ist in Taiwan noch nicht ratifiziert. Laut Reuters muss das Parlament zustimmen – keine Formsache, da die regierende Demokratische Fortschrittspartei (DPP) dort keine Mehrheit besitzt. Teile der Opposition warnen bereits vor einer Aushöhlung der heimischen Chipindustrie.
Auch die jüngere Vergangenheit mahnt zur Vorsicht. 2025 hatten die USA trotz zugesagter Erleichterungen nach TSMCs Milliardeninvestitionen erneut Zölle verhängt. Zudem sorgte Präsident Donald Trump für Verwirrung, als er bei Nvidia den angekündigten Produktionswert von KI-Servern in den USA fälschlich als Investition in neue Fertigungskapazitäten darstellte und öffentlich als „500-Milliarden-Dollar-Investition“ feierte.
Vor diesem Hintergrund bleibt offen, wie viel der angekündigten 500 Milliarden US-Dollar tatsächlich realisiert werden. Klar ist jedoch: Der Druck auf Taiwan wächst – wirtschaftlich, politisch und strategisch. Die Frage ist weniger, ob investiert wird, sondern wie viel, wie schnell und zu welchen langfristigen Kosten für die globale Chipindustrie.
