Traditionelle Industrien katapultieren britischen Leitindex trotz KI-Angst auf Rekordhoch
Am 4. Februar 2026 schrieb der Londoner Börsenplatz Geschichte: Der FTSE 100, der Index der 100 größten britischen Unternehmen, kletterte auf ein neues Allzeithoch von 10.395,64 Punkten. Dieses Wachstum von 0,8 Prozent geschah in einer turbulenten Zeit, in der künstliche Intelligenz weltweit Technologieaktien unter Druck setzt.
Pharmariese und Versicherer als Zugpferde
Den größten Einzeltreiber für den Rekord lieferte der Pharmakonzern GSK. Dessen Aktien stiegen um drei Prozent und überschritten erstmals seit über zwanzig Jahren wieder die Marke von 2.000 Pence. Grund war ein robuster Geschäftsbericht für 2025 mit einem Kernbetriebsgewinn von 9,8 Milliarden Pfund, ein Plus von sieben Prozent. Der neue CEO Luke Miels bekräftigte die ehrgeizige Umsatzvorgabe von 40 Milliarden Pfund für das Jahr 2031 und prognostizierte für 2026 ein Umsatzwachstum von drei bis fünf Prozent. Zudem erhöht das Unternehmen die Dividende von 66 auf 70 Pence pro Aktie.
Ein weiterer Höhepunkt war das Übernahmeangebot für den Lloyd’s-Versicherer Beazley. Zurich Insurance legte ein verbessertes Angebot im Wert von acht Milliarden Pfund vor, das einen Kaufpreis von 1.310 Pence pro Aktie plus einer Dividende von 25 Pence vorsieht. Der Vorstand von Beazley signalisierte Zustimmung, sollte ein festes Angebot folgen. Dieser Deal, der einen Aufschlag von 59,8 Prozent auf den Kurs vor Angebotslegung bedeutet, beflügelte auch andere Versicherer wie Hiscox.
Die breite Rallye wurde zudem von steigenden Rohstoffpreisen getragen. Ölkonzerne wie BP und Shell legten jeweils zwei Prozent zu, während Gold um zwei Prozent auf 5.065 Dollar stieg. Auch Einzelhändler wie Tesco und Telekommunikationsunternehmen wie BT Group und Vodafone zogen an.
Technologie-Sektor unter Druck
Dieser Optimismus kontrastiert scharf mit der Lage im Technologiesektor. Auslöser der Verkäufe ist ein neues KI-gestütztes Rechtsautomationstool des Unternehmens Anthropic, das die Margen und Geschäftsmodelle von Daten- und Softwarefirmen infrage stellt. Unternehmen wie RELX, die London Stock Exchange Group (LSEG), Sage und Rightmove verzeichneten weitere Kursverluste. Besonders betroffen ist die LSEG, deren Aktie um weitere sechs Prozent auf 7.002 Pence fiel und damit in diesem Jahr mehr als 40 Prozent an Wert verloren hat.
Die Investmentbank UBS gab jedoch eine Gegenstimme ab und sah den Verkauf bei der LSEG als überzogen an. Sie setzte ein Kursziel von 11.000 Pence, da die Verbreitung von KI-Modellen die Datennachfrage und damit die Preissetzungsmacht des Unternehmens erhöhen könne.
Die unterschiedliche Entwicklung erklärt sich aus der besonderen Zusammensetzung des FTSE 100. Im Gegensatz zu US-Indizes hat der britische Leitindex nur eine geringe Technologie-Exposure. Die starke Gewichtung traditioneller Sektoren wie Rohstoffe, Gesundheitswesen und Konsumgüter pufferte die Verluste der Tech-Branche ab. Diese Resilienz steht im Kontrast zu Wall Street, wo der Nasdaq Composite am Vortag um 1,4 Prozent fiel und der US-Software-Index einen Rückgang von 4,6 Prozent verzeichnete.
Weitere Nachrichten kamen von Santander UK. Die Bank meldete einen Anstieg des Vorsteuergewinns um 14 Prozent auf 1,51 Milliarden Pfund für 2025, musste jedoch weitere 183 Millionen Pfund für fehlverkaufte Autofinanzierungen zurückstellen. Das Unternehmen erwartet für 2026 weitere Kosteneinsparungen durch Vereinfachung und Automatisierung.
Richard Hunter, Leiter der Marktanalyse bei Interactive Investor, fasste die Stimmung zusammen: „GSK hat eine stetige Performance in einem sich rapide wandelnden Umfeld geliefert, in dem Technologie und Politik gleichermaßen Chancen und Risiken bieten.“ Während sich die Staubwolken legen, bleibt die Frage, ob die Widerstandsfähigkeit der alten Garde des FTSE 100 die Unsicherheiten des KI-Zeitalters langfristig aufwiegen kann. Für den Moment jedenfalls ist der neue Rekord ein Beleg für die anhaltende Kraft der traditionellen Industriesektoren.