Neue Allianz fordert schottische Kehrtwende in der Kernenergiepolitik
Eine Koalition aus Wirtschaftsvertretern und Aktivisten warnt, Schottland drohe wirtschaftlich den Anschluss zu verlieren, wenn die Regierung in Edinburgh an ihrer Ablehnung neuer Atomkraftwerke festhält. Die Gruppe „Scotland for Nuclear Energy“ argumentiert, das Land verpasse dadurch Investitionen und Tausende Jobs.
Planungsrecht als wirksames Veto
Obwohl die Energiepolitik grundsätzlich Sache der britischen Regierung in Westminster ist, verfügt die schottische Regierung über die Planungshoheit. Dies gibt der regierenden Scottish National Party (SNP) ein effektives Vetorecht gegen neue Kernreaktoren – eine Haltung, die von den landesweiten Parteien Labour und den Tories nicht geteilt wird.
Die Befürworter verweisen auf die nukleare Vergangenheit Schottlands. Von vier registrierten Kernstandorten ist derzeit nur noch das Kraftwerk Torness in Betrieb, das nach Angaben der Gruppe zwei Millionen Haushalte mit „sauberem Strom“ versorgt. Besonders im Norden Schottlands sei die wirtschaftliche Bedeutung historisch groß: Die NRS Dounreay-Anlage habe jahrzehntelang Tausende hochwertige Arbeitsplätze gesichert und die regionale Wirtschaft transformiert.
„Schottland hat Herausragendes im Bereich der erneuerbaren Energien geleistet, aber der Wind weht nicht immer, wenn wir ihn brauchen“, sagte Sam Richards, Chef der Kampagnengruppe Britain Remade. Er bezeichnete Atomkraft als saubere, zuverlässige Grundlast, die Stabilität bringe und Investitionen anlocke.
Eine Mehrheit der Bevölkerung unterstütze laut Umfragen die Kernenergie, so die Gruppe.
Kontroverse um Kosten und Nutzen
Die schottische Energieministerin Gillian Martin wies die Forderung zurück. Neue Reaktoren seien „unglaublich teuer“, und eine dafür auf Verbraucher umgelegte Abgabe würde schottische Stromkunden in den nächsten zehn Jahren 300 Millionen Pfund kosten. Zudem hinterließen Atomkraftwerke ein Erbe an gefährlichem radioaktivem Abfall.
Stattdessen setze die Regierung auf ein flexibles, erneuerbares System, gestützt durch Speicher, Wasserstoff und Netzausbau. Dies sei schneller umsetzbar, sicherer und kosteneffizienter. Unabhängige Szenarien von Ernst and Young zeigten, dass der schottische Low-Carbon-Sektor bis 2050 fast 80.000 Jobs unterstützen könne.
Kritiker wie die „Scottish Campaign to Resist the Atomic Menace“ nannten Atomkraft eine „kostspielige Ablenkung“. Sprecher Pete Roche warf der Atomlobby vor, die Technologie irreführend als billig und grün darzustellen – ein Versprechen, das schon vor 70 Jahren falsch gewesen sei. Ein auf erneuerbaren Energien basierendes System sei bereits im Entstehen und ohne Atomkraft schneller und günstiger zu verwirklichen.
Die Debatte gewinnt an Schärfe, während andere europäische Länder in neue Reaktortechnologien investieren. Die schottische Regierung steht vor der Frage, ob sie ihre lange gehegte Opposition aufgibt oder auf einen rein erneuerbaren Weg setzt, den Kritiker für zu risikobehaftet halten.