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Wirtschaft

Iraner flüchten in Gold als Rial abstürzt und Vertrauen schwindet

Teherans Basare sind zu Börsen der Verzweiflung geworden. Wo einst prunkvolle Hochzeitsketten feilgeboten wurden, händeln Kunden heute um winzige Goldstücke von weniger als einem Gramm. Der Iran erlebt einen Goldrausch, der nicht von Gier, sondern von galoppierender Inflation, politischer Repression und einem historischen Vertrauensverlust in die Landeswährung getrieben wird.

Kapitalflucht in das Edelmetall

Die Zahlen zeichnen ein dramatisches Bild: Die Inflation lag im vergangenen Jahr konstant über 35 Prozent, während Bankeinlagen nur bis zu 25 Prozent Zinsen brachten – ein realer Wertverlust. Der iranische Rial befindet sich im historischen Sturzflug. Dies hat eine massive Flucht des Kapitals in Sachwerte ausgelöst. Laut einem Bericht überstieg die Kapitalflucht aus dem Iran in den ersten neun Monaten des Jahres 2023 bereits 20 Milliarden Dollar. Für den normalen Iraner sind Autos oder Immobilien als Wertanlage unerschwinglich geworden; der heimische Aktienmarkt ist zu volatil. Geblieben sind Fremdwährung und Gold.

Die Folge ist eine überhitzte Nachfrage, die den Goldpreis im Land in die Höhe getrieben hat. Kostete ein Gramm 18-karätiges Gold 2016 nach dem Atomabkommen noch etwa 26 Dollar, so müssen Iraner im Februar 2026 bereits 110 Dollar dafür bezahlen. Gleichzeitig ist der monatliche Mindestlohn auf nur noch 80 Dollar gesunken. Fertiger Goldschmuck ist für die meisten unerreichbar geworden. Stattdessen boomen sogenanntes „Bruchgold“ – beschädigter Schmuck, der zum Materialpreis gehandelt wird – und digitale Goldanlageplattformen, trotz Warnungen der Cyberpolizei vor Betrug.

„Früher habe ich mir gesagt, ich sollte immer Bargeld für Notfälle bereithalten“, sagt Zahra, eine Hausfrau, die eine Teil-Goldmünze kauft. „Das denke ich nicht mehr. Sobald ich die täglichen Ausgaben gedeckt habe, wandle ich den Rest in Gold um. Am Anfang des Sommers lag der Goldpreis bei 60 Dollar pro Gramm. Dann stieg er auf über 100 Dollar, und jetzt heißt es, er erreicht 120. Hätte ich Bargeld gehalten, hätte ich den Wert von 50 Teil-Münzen verloren.“

Kultur im Wandel und kollektive Angst

Der Run auf das Edelmetall hat auch tiefe kulturelle Brüche offengelegt. Gold ist traditionell fest in Familienritualen wie Hochzeiten verankert, wo der Bräutigam der Braut mindestens drei Goldstücke schenkt. Viele Familien können sich das nicht mehr leisten und weichen auf gemieteten Schmuck oder Silber aus. Ein Goldhändler in Teheran kommentiert den Wandel mit den Worten: „Das waren früher Geschenke für Neugeborene, jetzt kauft das jeder.“ Er verweist auf Tabletts mit Anhängern, die nur 300 bis 600 Milligramm wiegen.

Hinter der wirtschaftlichen Not steht eine politische Krise. Menschenrechtsgruppen schätzen, dass bis zu 40.000 Menschen bei Protesten inhaftiert wurden, viele unter dem Vorwurf, „Unruhestifter“ oder „Terroristen“ zu sein. Laut der New York Times wurden massenhaft Ärzte verhaftet, die Protestierende behandelten, und Familien wurde verboten, öffentlich um getötete Angehörige zu trauern. Mahmood Amiry-Moghaddam von Iran Human Rights spricht von „kollektiver Bestrafung“ mit dem Ziel, „eine ganze Generation zu traumatisieren, damit sie nicht wieder aufsteht“.

Diese Repression und die Furcht vor weiteren Konflikten, wie dem zwölftägigen Krieg zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025, befeuern die Panikkäufe zusätzlich. Die Aussichten auf eine wirtschaftliche Erholung sind düster. Verhandlungen mit den USA liegen auf Eis, und die Wiedereinsetzung von UN-Sanktionen im vergangenen Jahr hat das öffentliche Misstrauen vertieft. Die massive Abwanderung von Kapital ins Ausland und die Bindung kleiner Ersparnisse in unproduktiven Assets wie Gold untergraben die langfristige Entwicklung des Landes.

Für Menschen wie Zari, eine junge Krankenschwester mit zwei Kindern, ist Gold nicht nur Rettungsanker, sondern auch Quelle ständiger Angst. „Der Stress, dass ich mir morgen nichts mehr leisten kann, wenn ich jetzt nicht kaufe, verlässt mich nie“, sagt sie. Ihre Miete stieg innerhalb eines Jahres von 100 auf 180 Dollar monatlich. „Wenn wir diese 300- oder 500-Milligramm-Stücke nicht kaufen, werden wir nie vorankommen.“ Für Millionen Iraner bleibt Gold somit ein zwiespältiger Schutzschild – ein physischer Beweis für Erspartes in einer Zeit, in der sich alles andere in Luft aufzulösen scheint.

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Christoph Alexander Breyer

Christoph Alexander Breuer ist Redakteur und Analyst mit Schwerpunkt auf Sport und Finanzmärkte. Er berichtet über wirtschaftliche Hintergründe im Profisport, Unternehmensentwicklungen und Markttrends und ordnet komplexe Zusammenhänge verständlich für die Leser ein.

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