Modernes London-Thriller-Hamlet mit Riz Ahmed provoziert Debatte
In einer radikalen Neuinterpretation von Shakespeares klassischer Tragödie hat Regisseur Aneil Karia den „Hamlet“ in das heutige London verpflanzt. Der Film, der am 5. Februar 2026 in die Kinos kam, ersetzt die dänischen Schlossmauern durch neonbeleuchtete Stadtlandschaften und macht aus dem königlichen Intrigenspiel eine Geschichte über Familiendysfunktion, Immobiliengeschäfte und psychologischen Zerfall.
Ein Prinz am Steuer
Laut einem Bericht von The Guardian vom 5. Februar 2026 ist diese Adaption eine nüchterne und schonungslos moderne Lesart. Einer der kühnsten Entscheidungen betrifft den berühmten Monolog „Sein oder Nichtsein“. Statt auf einer Schlosswand spricht ihn Riz Ahmeds Hamlet hinter dem Steuer eines fahrenden Autos, fast schreiend. Ahmed erklärte am 4. Februar 2026 gegenüber The Associated Press, man habe Hamlets innere Zerrissenheit so unmittelbar und real einfangen wollen. „In einem Auto, in Bewegung, kann man seinen Gedanken nicht entfliehen. Das passte zu diesem Hamlet“, so der Schauspieler.
Die Handlung wird in die undurchsichtige Welt des Londoner Immobilienmarkts verlegt. Claudius (Art Malik) ist hier ein skrupelloser Spekulant, der soeben ein Zeltlager unter der Führung eines modernen Fortinbras geräumt hat. Seine geplante Hochzeit mit Hamlets Mutter Gertrude (Sheeba Chaddha) vertieft nur den Abgrund des Misstrauens. Der Geist von Hamlets Vater (Avijit Dutt) erscheint auf einem öden Stadtdach und beschuldigt Claudius des Mordes – eine Anschuldigung, die den Film bewusst ambivalent hält: Ist der Geist echt oder nur Projektion von Hamlets eigener zerrütteter Psyche?
Die Gewalt wird explizit und entschlossen gezeigt, besonders beim Mord an Polonius (Timothy Spall), der hier kein Unfall, sondern eine brutale, vorsätzliche Tat ist. Dies ziehen Ophelia (Morfydd Clark) und Laertes (Joe Alwyn) in einen Strudel aus Trauer und Rache. Clarks Ophelia erhält in dieser Fassung etwas mehr Gewicht, einige Dialoge Hamlets mit Horatio wurden zu ihr umgeleitet. Dennoch lässt der Film kontroverserweise ihre berühmte Wahnsinnsszene aus, was The Guardian als Fehlentscheidung wertet.
Stripping der Shakespeare-Poesie
Karia und Drehbuchautor Michael Lesslie haben den Text radikal gestrafft. Die meisten Monologe wurden gestrichen, darunter auch die ikonische „Ach, armer Yorick“-Szene, die traditionell Sympathie für Hamlet erzeugt. Der Fokus liegt stattdessen auf dem rohen, unmittelbaren Drama der Interaktionen. Das Ergebnis ist, so The Guardian, ein „intelligenter und fokussierter“, aber auch unerbittlich kalter Film, der das Publikum mit der Frage nach Wahrheit und Gerechtigkeit in einer Welt voller Geheimnisse zurücklässt.
Die Adaption hat eine lebhafte Debatte unter Kritikern ausgelöst. Einige loben die mutige Konventionsbrechung und den Verzicht auf die „reichlich empathischen und erlösenden“ Qualitäten anderer neuerer Adaptionen wie Chloé Zhao’s „Hamnet“. Andere bedauern den Verlust von Shakespeares Sprachpoesie und das Fehlen emotionaler Schlüsselszenen. Doch selbst Kritiker würdigen die gedankliche Strenge des Films und die neuen Fragen, die er zu Schuld und Erinnerung aufwirft.
Am Ende bietet dieser „Hamlet“ keine leichten Antworten, sondern nur eine strenge Kälte und ein anhaltendes Unbehagen. Indem er eine der größten Tragödien der Weltliteratur in die zersplitterte Gegenwart holt, zwingt er das Publikum, den eigenen Geistern ins Auge zu sehen und sich, wie der Prinz, mit der grundlegenden Frage nach dem „Sein“ auseinanderzusetzen.