Kenias Kinderbetreuer verdienen mehr als 75 % unter dem Mindestlohn
Die bezahlte Kinderbetreuungsbranche in Kenia steht vor einer alarmierenden Krise, da eine neue Studie enthüllt, dass 76 % der Arbeiterinnen weniger als 10.000 KSh pro Monat verdienen, was weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegt. Diese unsichtbaren Akteurinnen, die es anderen Frauen ermöglichen, berufstätig zu sein, sehen sich in einem Sektor konfrontiert, der von Ausbeutung, Missbrauch und einem erschreckenden Mangel an staatlichem Schutz geprägt ist.
Unterbezahlt und ohne Schutz
Die Ergebnisse stammen aus einer schockierenden Baseline-Studie des World University Service of Canada (WUSC) und der Coalition on Violence Against Women (COVAW). Die Untersuchung zeigt ein düsteres Bild eines Sektors, der von informellen Arbeitsverhältnissen, Missbrauch und dem Fehlen gesetzlicher Unterstützung geprägt ist. Ein erschreckendes Detail der Studie zeigt, dass 95 % der Arbeitskräfte in diesem Bereich Frauen sind, meist junge Frauen im Alter von 18 bis 35 Jahren.
„Jane“ (Name geändert), eine 29-jährige Nanny aus Nairobi, beschreibt die schwere Realität, mit der viele dieser Arbeiterinnen konfrontiert sind: „Ich arbeite von 5 Uhr morgens bis 21 Uhr abends. Ich wasche, koche und füttere das Baby. Einen Vertrag habe ich nicht. Am Ende des Monats bekomme ich 6.000 KSh. Wenn ich mich beschwere, sagen sie, es gäbe zehn andere Mädchen, die meinen Job übernehmen könnten.“
Die Studie zeigt, dass nur 13 % der Kinderbetreuerinnen genug verdienen, um ihre Grundbedürfnisse zu decken. Die Mehrheit lebt in einem Zustand chronischer Armut, trotz der Pflege, die sie für andere leisten.
Rechtlicher Leerraum und Missbrauch
Ein weiteres erschreckendes Ergebnis der Studie ist der weit verbreitete Mangel an rechtlichen Schutzmaßnahmen. 88 % der Kinderbetreuerinnen arbeiten ohne schriftlichen Vertrag, was es ihnen unmöglich macht, gegen unrechtmäßige Entlassungen oder Lohnkürzungen vorzugehen. Zudem haben viele keine Schulung erhalten, wie sie mit sexuellem Missbrauch oder Gewalt umgehen sollen, was zu einer besonders hohen Zahl von Missbrauchsfällen in Haushalten führt, in denen sie beschäftigt sind.
Die COVAW-Untersuchung hat zudem gezeigt, dass 70 % der Arbeiterinnen keine Ausbildung zur Verhinderung oder Bewältigung von sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt erhalten haben, obwohl die Missbrauchsraten durch männliche Arbeitgeber oder Verwandte in den Haushalten hoch sind.
Wirtschaftsexperten argumentieren, dass die systematische Unterbewertung des Sektors nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch eine ökonomische Katastrophe für Kenia darstellt. „Wenn Kinderbetreuung erschwinglich und zuverlässig ist, steigert sie die Produktivität von Müttern“, sagt die Entwicklungsexpertin Dr. Stella Nyanchama. „Aber wir bauen diese Produktivität auf dem Rücken ausgebeuteter Frauen auf. Es ist eine falsche Wirtschaft.“
Die Studie fordert dringend politische Maßnahmen, darunter die Formalisierung des Sektors, obligatorische Verträge und staatlich subventionierte Kinderbetreuungszentren, die den Arbeiterinnen anständige Löhne garantieren können. „Wir müssen aufhören, Kinderbetreuung als ‚Hilfe‘ zu sehen, und anfangen, sie als Beruf zu betrachten“, schließt der Bericht von WUSC.
Für „Jane“ und viele andere Frauen erscheinen solche politischen Diskussionen jedoch wie ein Luxus. Ihr täglicher Kampf ist der nächste Windelwechsel, der nächste Stapel Geschirr und die Hoffnung, dass sie am Ende des Monats tatsächlich ihr Gehalt erhält.