Kenianischer Mann in Russland verschleppt: Vom Ingenieur zum vermuteten Kriegskonskr
Einem jungen Kenianer wurde eine lukrative Ingenieursstelle in Russland versprochen. Stattdessen ist er nun seit Monaten verschwunden und wird vermutlich im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt. Sein Fall wirft ein Schlaglicht auf ein gefährliches Rekrutierungsnetzwerk.
Von der Jobzusage zur Kriegspropaganda
Francis Ndung’u Ndarua verließ Kenia im Oktober 2025 voller Hoffnung. Die Anwerber hatten dem 28-Jährigen einen gut bezahlten Job als Elektroingenieur in Russland zugesagt, ein Ausweg aus der stagnierenden Arbeitsmarktlage Nairobis. Doch im Dezember schlug die Stimmung um. In einem Video, das in sozialen Medien kursierte, warnte ein sichtlich verstörter Francis seine Landsleute eindringlich: „Kommt nicht hierher. Es ist nicht das, was sie euch erzählen.“
Dies war seine letzte klare Botschaft. Kurz darauf tauchte ein zweites Video auf, das Francis in Militärkleidung zeigt, eingeschüchtert und von einem russischsprachigen Kommandanten beschimpft. Die Aufnahme, die seine Mutter Anne nicht ansehen konnte und die ihr ihre Tochter beschrieb, zeigt einen gebrochenen Mann in schneebedeckter Landschaft, umgeben von Waffen, für die er nie ausgebildet wurde.
Seit einem halben Jahr hat Anne Ndarua nun nichts mehr von ihrem Sohn gehört. „Ich weiß nicht, ob er etwas zu essen hat. Ich weiß nicht, ob er es warm hat. Ich weiß nicht, ob er überhaupt noch lebt“, sagt sie. Die kenianische Regierung hat zu seinem konkreten Fall noch keine offizielle Stellungnahme abgegeben.
Ein System der Ausbeutung
Der Fall Ndarua ist kein Einzelfall. Er folgt einem bekannten Muster und offenbart eine Pipeline der Zwangsrekrutierung. Schattenhafte Agenturen in Nairobi werben weiterhin mit „Sicherheits-“ oder „Ingenieurjobs“ in Osteuropa, die sich oft als Tarnung für militärische Anwerbung entpuppen.
Hintergrund ist eine verzweifelte wirtschaftliche Migration. Die Jugendarbeitslosigkeit in Kenia hat ein Krisenniveau erreicht, das junge Männer bereit macht, existenzielle Risiken für ein Gehalt einzugehen. Die Rechnung wird nun mit Blut bezahlt. Geheimdienstberichten zufolge werden ausländische Rekruten an der Front oft als sogenannte „Fleischwellen“ im Stellungskrieg im Donbas eingesetzt, ihre Überlebensrate wird in Tagen gemessen.
In ihrem bescheidenen Haus am Rande Nairobis zündet Anne Ndarua bei Sonnenuntergang eine Kerze an. Es ist ein stilles Gebet für einen Sohn, der eine Zukunft suchte und einen Krieg fand. „Wenn er tot ist“, flüstert sie, „will ich nur noch seinen Leichnam. Eine Mutter sollte nicht erraten müssen, wo ihr Kind liegt.“