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Thomas Broich – vom Zweifler zum charmanten Fußballversteher

In Deutschland von Selbstzweifeln zerfressen, in Australien gefeiert – ARD-Fußballexperte Thomas Broich blickt auf eine turbulente Karriere zurück, die sogar den Weg auf die Kinoleinwand fand. Am Sonntag ist der Oberbayer Gast in Blickpunkt Sport.

Es wäre einfach gewesen, nach dem DFB-Pokalspiel des FC Bayern gegen 1899 Hoffenheim ordentlich auf den Münchnern herumzutrampeln. Nach 70 sehr souveränen Minuten und einer 4:1-Führung nach 80 Spielminuten schien die Partie entschieden. Doch in der Schlussphase schaltete der Rekord-Pokalsieger unnötigerweise einige Gänge zurück, Hoffenheim verkürzte auf 3:4 und sorgte für Spannung in den Schlussminuten.

Zu überheblich, zu unkonzentriert, zu arrogant – vieles hätte man kritisieren können beim FC Bayern in der Schlussphase. Aber das ist nicht das Expertenleben von Thomas Broich. “Es ist ja irgendwie auch total menschlich. Kein Mensch – also wir auch nicht – hat doch gedacht, dass nach dem 4:1 noch irgendwas anbrennen könnte”, sagte Broich sachlich in seiner Rolle als ARD-Experte. Fehler kommen nun mal vor. Punkt.

Vielleicht ist es die Mischung aus seinen bayerischen Wurzeln und einer Profikarriere mit unzähligen Höhen und Tiefen, die den 39-Jährigen heute so menschlich analysieren lassen. Wenn Broich über einzelne Spieler redet, glaubt man ihm einfach, dass er weiß, wie es in den Köpfen ausschaut.

Unterhaching, Burghausen, Mönchengladbach, Köln, Nürnberg

Geboren in München, aufgewachsen in Rott am Inn, dann mit 15 zur Spielvereinigung Unterhaching. Unter dem damaligen Trainer Lorenz-Günther Köstner hatte er keine Chance in der ersten Mannschaft, also ging’s weiter zum SV Wacker Burghausen – und mit den Oberbayern in die 2. Fußball-Bundesliga. Es folgten wechselhafte Jahre in Mönchengladbach und Köln, 2009 ging’s zum damaligen Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Nürnberg. Dort baute Trainer Michael Oenning zunächst auf Broich, der sich nach einer Verletzungspause zurückarbeitete. Als Oenning entlassen wurde, plante dessen Nachfolger Dieter Hecking ohne Broich.

Fußballer des Jahrzehnts in Australien – und Filmstar

Broich wagte einen radikalen Schritt: Er wechselte 2010 zum australischen Erstligisten Brisbane Roar – und blieb dort sieben Jahre. Drei Mal wurde er australischer Meister, zwei Mal zum besten Spieler der Liga gewählt. 2014 wählten ihn Australiens Fußballfans in einer Umfrage des Fachmagazins ABC Football zum Fußballer des Jahrzehnts.

Der Bonner Filmemacher Aljoscha Pause erkannte schon früh, dass Broich ein Spieler ist, der so gar nicht in ein stereotypisches Raster passt. Er begleitete ihn von 2003 bis 2011 mit der Kamera. Am Ende stand der Kinofilm “Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen”.

“Es ist ein Stück Zeitgeschichte. Es ist eine Nah- und Langzeitaufnahme, wie es sie nie zuvor gab. Mit dem besten Nationalspieler, den Deutschland nie hatte”, urteilte das Deutschlandradio. Sieben Mal spielte Broich für die deutsche U21-Nationalmannschaft, zwei Mal im vor der Heim-WM 2006 gebildeteten Perspektivteam. Den Sprung in die A-Nationalmannschaft packte Broich trotz seines Talents nie.

Selbstzweifel während der Profizeit in Deutschland

“Ich habe sehr zynisch auf die Welt geblickt und mir selber nicht mehr viel zugetraut”, sagte Broich in einem Zeitungsinterview nach seinem Karriereende 2017 über den Schritt nach Australien: “Es war wichtig für mich, noch einmal eine so schöne Zeit erleben zu dürfen.” Broich galt als riesiges Talent auf einer Stufe mit Weltmeistern wie Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski. Aber er haderte – mit seinem Umfeld, mit sich selbst, war stur, nahm keine Hilfe an.

“Ich hab mich fehl am Platz und isoliert gefühlt. Zunehmend habe ich einen inneren Widerstand aufgebaut gegen das, was ich beruflich gemacht habe. Das hat mich innerlich aufgefressen. Am Ende musste ich mich zum Training schleppen, ich wusste nicht, warum ich da antanze.” Thomas Broich in der Süddeutschen Zeitung 2017 über seine Fußballerkarriere in Deutschland

Fußballtrainer Thomas Broich

Die Zeit in Australien krempelte Thomas Broich in Sachen Fußball komplett um. Mit einer “Anti-Haltung, zu allem, was mit Fußball zu tun hat”, sei er damals nach Down Under gereist. Zurück in der Gegenwart, zurück in Deutschland, kann er sich sogar vorstellen, Trainer zu werden und jungen Fußballern den richtigen Weg zu zeigen.

“Natürlich wäre es toll, irgendwann einmal zum Beispiel für Köln oder Mönchengladbach zu arbeiten, aber die Welt da draußen wartet ja nicht auf mich als Trainer”, sagte Broich in einem Zeitungsinterview im vergangenen August. Aber er ist überzeugt, dass “alle guten Trainer auch gute Geschichtenerzähler sind. Charismatisch. In Teilen stur”. Thomas Broich hat die besten Voraussetzungen für einen Weltklasse-Trainer.

Thomas Broich in Blickpunkt Sport im BR Fernsehen

Der ARD-Fußballexperte Thomas Broich ist am Sonntagabend (09.02.2020) ab 21.45 Uhr zu Gast in Blickpunkt Sport im BR Fernsehen.