Alex Honnold erobert Taipei 101 in rekordverdächtigem Free Solo
Am Samstagmorgen in Taipei erreichte der US-amerikanische Kletterer Alex Honnold etwas, das viele für unmöglich hielten: Einen Free-Solo-Aufstieg des imposanten Taipei 101 Wolkenkratzers – und das ohne Seil oder Klettergurt. Der atemberaubende Aufstieg, der weltweit auf Netflix übertragen wurde, fügte Honnolds außergewöhnlicher Karriere ein weiteres, unglaubliches Kapitel hinzu. In nur 1 Stunde, 31 Minuten und 40 Sekunden erklomm er das 508 Meter hohe Gebäude, das einst das höchste Gebäude der Welt war. Damit sicherte sich Honnold den Rekord für den höchsten urbanen Free-Solo-Kletteraufstieg der Geschichte.
Herausforderungen und Nervenkitzel
Der Aufstieg war keine gewöhnliche Klettertour. Taipei 101, das sich durch seine bambusähnliche Architektur und elegante Kurven auszeichnet, stellte Honnold vor völlig neue Herausforderungen im Vergleich zu den Felswänden des Yosemite Nationalparks, in denen er zunächst berühmt wurde. Die Glas- und Stahlfassade des Gebäudes bot wenig Halt, sodass Honnold auf außergewöhnliche Hand-, Fuß- und Oberkörperkraft angewiesen war, um sich von einem Halt zum nächsten zu bewegen. Außerdem erschwerte der zunehmende Wind das Klettern und stellte eine ständige Gefahr dar. „Der Wind war ein ständiger Gegner, der im Laufe des Aufstiegs immer stärker wurde“, erklärte der Ingenieur und YouTube-Persönlichkeit Mark Rober, der während der Live-Übertragung kommentierte.
Obwohl der Aufstieg ursprünglich für Freitag geplant war, musste er aufgrund von Regen verschoben werden. Der starke Regen in der Nacht zuvor hatte die Fassade des Gebäudes schmutzig und rutschig gemacht, was zusätzliche Gefahren mit sich brachte. Honnold war mehrmals gezwungen, auf den Vorsprüngen des Gebäudes zu pausieren, um den Schmutz von den Sohlen seiner Kletterschuhe zu wischen. Diese kleinen Details waren von entscheidender Bedeutung in einem Aufstieg, bei dem jeder noch so kleine Halt zählt.
Der nervenaufreibendste Moment des Aufstiegs kam, als Honnold sich den letzten Überhängen des Gebäudes näherte. In schwindelerregender Höhe ließ er seine Füße frei baumeln, während er die Kanten abtastete – ein Anblick, der bei den Zuschauern auf den Straßen und in den Fenstern des Gebäudes für Entsetzen sorgte. „Schau mal, Mama! Keine Hände!“, schrieb ein Social-Media-Nutzer, als er Honnolds waghalsige Bewegung festhielt.
Die Übertragung des Aufstiegs auf Netflix war das erste internationale Live-Event des Unternehmens und sollte den Nervenkitzel des Kletterns für die Zuschauer weltweit spürbar machen. Um die Zuschauer vor potenziell belastenden Szenen zu schützen, wurde die Übertragung mit einer zehnsekündigen Verzögerung gesendet. „Es wird ein packendes TV-Erlebnis“, erklärte Netflix-Mitbegründer Ted Sarandos im Vorfeld der Veranstaltung.
Nachdem Honnold den Gipfel des Taipei 101 erreicht hatte, machte er ein triumphales Selfie, bevor er sich mit einem Klettergurt und Seil für den Abstieg vorbereitete. Am Boden angekommen, traf er sich mit seiner Frau, Sanni McCandless, zu einem emotionalen Wiedersehen. „Ich war wirklich froh, als es endlich losging. Es gab kein Warten mehr, und er konnte tun, was er tun wollte“, sagte McCandless in einem Interview mit CNN.
Die Leistung von Honnold wurde weltweit gefeiert, unter anderem auch von Taiwans Präsident Lai Ching-te, der das Event als „wirklich nervenaufreibend“ bezeichnete und die Veranstaltung als eine Möglichkeit lobte, sowohl die Gastfreundschaft des taiwanesischen Volkes als auch die Schönheit der Insel zu präsentieren. Er betonte, dass der Aufstieg Taipei 101 in einem neuen Licht zeigte – nicht nur als architektonisches Meisterwerk, sondern auch als Bühne für menschliche Leistung.
Für Honnold war dieser Aufstieg die Erfüllung eines zehnjährigen Traums, ein Wolkenkratzer zu erklimmen. „Ich denke oft an Risiken, Tod und Sterblichkeit – viel mehr als der Durchschnittsmensch“, sagte er gegenüber CNN. „Natürlich wird man ständig mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert, aber man wählt es trotzdem, weil es dem Leben Reichtum und Bedeutung verleiht.“
Honnold, der 2017 mit seinem Free-Solo-Aufstieg des El Capitan im Yosemite-Nationalpark berühmt wurde, bleibt trotz seiner weltweiten Berühmtheit bescheiden. Er trainiert fünf Tage die Woche, aber seine beiden kleinen Kinder wissen kaum, was ihr Vater tut. „Ich glaube nicht, dass sie wissen, was Klettern ist, wenn wir auf kleinen Felsen bouldern“, sagte er. Dennoch ist er offen dafür, dass seine Kinder irgendwann in seine Fußstapfen treten, wenn sie das Risiko des Kletterns verstehen lernen.
Der Aufstieg von Alex Honnold wird als Symbol für menschliche Ausdauer und Ambition in die Geschichte eingehen. „Oft werden die Menschen beim Ansehen solcher Ereignisse daran erinnert, dass ihre Zeit endlich ist und dass sie diese so sinnvoll wie möglich nutzen sollten“, reflektierte Honnold. Mit diesem historischen Triumph wird der Kletterer weiterhin als Inspiration für alle dienen, die nach neuen Höhen streben – einen kühnen Schritt nach dem anderen.