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Kommentar: Die Geduld der Missbrauchsopfer ist begrenzt.

Vor zehn Jahren wurden die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich. Die Bischöfe bitten nun um Verständnis dafür, dass sie mehr Zeit benötigen, um sie zu bearbeiten. Aber die Opfer gehen langsam aus der Geduld, sagt Tilmann Kleinjung.

Vor zehn Jahren fassten sich drei ehemalige Schüler des Berliner Canisius-Kollegs ein Herz und informierten den damaligen Rektor der Jesuitenschule über den Missbrauch, den sie dort in den 70er und 80er Jahren erlebt hatten. Mit ihrem Bericht lösten sie etwas aus, das die katholische Kirche unter der Überschrift “Missbrauchsskandal” bis heute erschüttert.

Es war der Schneeball, der, sobald er ins Rollen kommt, eine Lawine auslöst: Das Kloster Ettal, die Regensburger Domspatzen und zahlreiche andere katholische Einrichtungen haben eine Missbrauchsgeschichte: Geistliche wurden zu Tätern, Minderjährige zu Opfern. Und in viel zu vielen Fällen schauten die Verantwortlichen weg, deckten die Täter zu oder verlegten sie an Orte, wo sie dann wieder einen Missbrauch an Kindern begehen konnten. Das war auch bei den Vätern des Berliner Canisius-Kollegs der Fall.

Kirche bittet erneut um Geduld
Zehn Jahre sind eine lange Zeit, eigentlich mehr als genug, um die Lehren aus einem solchen Skandal zu ziehen. Doch heute bittet die katholische Bischofskonferenz erneut um Geduld. “Diese komplexen Themen brauchen viel Zeit, um behandelt zu werden”, heißt es in einer Pressemitteilung. Offenbar können sich die Bischöfe nicht darauf einigen, wie die Opfer entschädigt werden sollen. Anwälte, Politiker und Betroffene haben im Auftrag der Bischofskonferenz Entschädigungsmodelle erarbeitet, die – je nach Fall – zwischen 300.000 und 400.000 Euro vorsehen.

Das wäre eine geschätzte Milliarde für die gesamte katholische Kirche. Eine starke Geste der Versöhnung, eine ungewöhnlich hohe Summe, die aber sicherlich von der reichen deutschen Kirche aufgebracht werden könnte, die in den letzten Jahren stetig steigende Kirchensteuereinnahmen verzeichnen konnte. Vielen der Betroffenen, die oft die Folgen ihres lebenslangen Leidens tragen, bleibt nicht mehr viel Zeit. Ihnen erscheint die Bitte um Verständnis zynisch.

Ist das Ansehen der Beamten wichtiger als die Bildung?
Unklar ist auch, wie mit dem Skandal umgegangen werden soll. Wer ist außer den Tätern verantwortlich? Die Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz und der Bundesregierung hatten sich auf eine Untersuchung der Kirchenakten durch unabhängige Experten geeinigt. Damit klar wird, welcher Bischof, welcher Personalreferent die Taten vertuscht hat, versetzt die Täter. Doch auch hier bitten die Bischöfe noch um Geduld. Und so entsteht der Eindruck, dass für einige der Oberhirten das Ansehen der Institution und das Ansehen der Amtsträger immer noch wichtiger ist als schonungslose Aufklärung.

Natürlich hat auch die katholische Kirche in diesen zehn Jahren etwas verändert. Die Präventionsdienste werden allgemein als vorbildlich gelobt. Die systemischen Ursachen des Missbrauchsskandals wollen die Bischöfe zusammen mit Vertretern der kirchlichen Basis “synodal” aufarbeiten: die ungleiche Machtverteilung, die untergeordnete Rolle der Frauen und vieles mehr, was den Missbrauchsskandal überhaupt erst möglich gemacht hat. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, warnte davor, zu schnelle Ergebnisse im “Synodalen Weg” zu erwarten. Das mag angesichts von 2.000 Jahren Kirchengeschichte durchaus realistisch sein. Doch den Betroffenen, den Mitgliedern und Mitarbeitern der Kirche geht langsam die Geduld aus.