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HINTERGRUND: Grün, grün, grün werden immer mehr Fonds

MANNHEIM (dpa-AFX) – Seit mittlerweile 19 Jahren ist Mannheim nun schon das Mekka der deutschen Fondsszene. Auch Ende Januar strömten wieder tausende Anlageberater in die zentral gelegene Industriestadt, um beim jährlich stattfindenden Branchenkongress zu erfahren, wie sie in der Nullzinswelt wenigstens noch etwas Rendite erwirtschaften können. Doch wer glaubte, im altehrwürdigen Tagungszentrum Rosengarten völlig ohne Gewissensbisse dem Mammon frönen zu können, sah sich wohl getäuscht: Quasi an jeder Ecke wurden die Fachbesucher mit dem Schlagwort ESG konfrontiert, das für die Begriffe “Umwelt, soziale Verantwortung und gute Unternehmensführung” steht. Der Vermögensverwalter Bert Flossbach errechnete, dass sich 27 von 30 Vorträgen in der einen oder anderen Weise um das Thema ESG drehten.

Auch während der Pausen führte kaum ein Weg am Thema Nachhaltigkeit vorbei: Wer Salat oder Kuchen essen wollte, musste nun zum ersten Mal zu Geschirr aus gepressten Blättern der Betelnusspalme greifen und dieses dann fachgerecht in eigens dafür aufgestellten Jutebeuteln entsorgen. Sogar schon vor Kongressbeginn wurde den Besuchern ins Gewissen geredet: Zwischen Garderobe und Toilette sammelte das Umwelt-Start-up Treedom Geld, damit zum Beispiel Kleinbauern in Brasilien den Regenwald wieder ein Stück weit aufforsten können.

Somit war es nur konsequent, dass kurz nach der Kongresseröffnung mit Wolfgang Grupp ein regelrechter Kronzeuge zum Thema Nachhaltigkeit auf dem Podium saß. Der schillernde Unternehmer ist Geschäftsführer des Textilunternehmens Trigema und hielt ein flammendes Plädoyer gegen den Massenwahn und für das bedarfsgerechte Wirtschaften. Er sei natürlich Egoist und wolle Geld verdienen, sagte er. Gleichzeitig wisse er aber auch, dass er seine Arbeitnehmer gut behandeln müsse, damit sie zufrieden sind. Klingt wie eine Top-Anlageidee, doch leider wird Trigema als Rechtsform des eingetragenen Kaufmanns geführt, und zwar mit Grupp als alleinigem Inhaber. Das Unternehmen gibt also keine Aktien aus und hat laut eigenen Angaben noch nicht einmal einen Bankkredit laufen.

Anleger müssen nun aber nicht hoffen, dass Trigema irgendwann an die Börse kommt, wächst das Angebot nachhaltiger Anlagen doch rasant. Weltweit hat sich das derartig verwaltete Vermögen in den fünf führenden Märkten von 2016 bis 2018 um rund ein Drittel auf knapp 31 Billionen US-Dollar vergrößert, wie es im jüngsten Bericht des Weltverbandes des nachhaltigen Investments hieß. In den USA machen diese Anlagen demnach bereits ein Viertel des Marktes aus. In Europa ist es sogar fast die Hälfte.

Angeheizt wird der Trend einerseits durch die Marktmacht großer Finanzkonzerne, aber auch Vorgaben der Aufseher. So sollen Anleger in der Europäischen Union “grüne” Investitionen und Finanzprodukte künftig leichter erkennen können, um den Klimaschutz voranzubringen. Auf globaler Ebene passiert ähnliches. Die Zahl der weltweiten politischen Maßnahmen zum Thema Nachhaltigkeit habe in den letzten Jahren deutlich angezogen, sagte Karen Ward, leitende Kapitalmarktstrategin für Europa, Afrika und den Nahen Osten beim Vermögensverwalter J.P. Morgan Asset Management. Ihr Fazit für die Branche ist eindeutig: “ESG ist die größte Transformation dieser Dekade.”

Für einen Paukenschlag sorgte jüngst ein Brief des Chefs des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock an die wichtigsten Konzernbosse der Welt. Larry Fink schrieb darin: “Das Klimarisiko ist auch ein Anlagerisiko” und “Wir werden uns von Anlagen trennen, die ein erhebliches Nachhaltigkeitsrisiko darstellen, wie zum Beispiel Wertpapiere von Kohleproduzenten”.

Nun steckt Blackrock zwar etwas in der Zwickmühle, weil der Konzern unter anderem Index-Produkte anbietet und so per de­fi­ni­tionem auch in weniger umweltfreundliche Branchen mit zum Beispiel hohem CO2-Ausstoß investieren muss. Doch für Anlageprofis ist klar, wohin die Reise geht. So sieht Fondsmanager Klaus Kaldemorgen von der Deutsche-Bank-Tochter DWS Ölaktien künftig unter Druck. Diesen Sektor “fassen große Investoren kaum noch an”, sagte er bei einer Expertenrunde auf dem Mannheimer Kongress.

Positiv hat Fink in seinem Brief wiederum betont, dass “nachhaltige und klimabewusste Portfolios Anlegern bessere risikobereinigte Renditen bieten können”. Und in diesem Punkt habe der Blackrock-Chef Recht, sagte der promovierte Betriebswirt Thomas Schulz, der bei der Wirtschaftsuniversität European Business School ein Weiterbildungsprogramm zum Thema anbietet. So seien Hamburger Wissenschaftler in einer viel beachteten Auswertung von über 2200 Studien vor wenigen Jahren zu dem Schluss gekommen, dass sich ökologisch und ethisch korrektes Investieren für Anleger lohnen kann.

Die besten ESG-Anlageideen aber helfen nichts, wenn insbesondere die Aktienmärkte insgesamt unter Druck geraten. In dieser Hinsicht gaben die meisten Experten auf dem Fondskongress Entwarnung, zumal die Notenbanken weiter Gas geben und so das Geld billig halten dürften. Ferner sind die wirtschaftlichen Folgen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus nach überwiegender Meinung der Fachleute beherrschbar.

Hierzulande dürfte sich die Konjunktur in diesem Jahr zwar weiter schwach entwickeln, gab Lars Feld zu bedenken. Der Volkswirt ist seit März 2011 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Allerdings befinde sich die Wirtschaft aktuell lediglich im Wandel von der Über- zur Normalauslastung, was kein Alarmzeichen darstelle.

Sollte die Konjunktur also tatsächlich weiterhin einigermaßen rund laufen, könnte übrigens auch Trigema anhaltend gute Geschäfte mit individueller Berufs- und Tennisbekleidung machen. Das Unternehmen wirbt neuerdings wieder mit seinem berühmten sprechenden Affen – aus Tierschutzgründen ist dieser jedoch nun eine Computeranimation./la/kro/mis


Von Lutz Alexander, dpa-AFX