Press "Enter" to skip to content

Wahl in Irland: Leo Varadkar, der Johnson-Bezwinger

Der irische Premier Leo Varadkar wurde im Sommer 2017 Regierungschef. Seither ist er als ebenso geschickter wie hartnäckiger Verhandler in den Brexit-Turbulenzen aufgefallen. Die Wähler könnten ihm aber jetzt eine zweite Amtszeit verweigern.

Die Republik Irland ist ziemlich klein – mit gerade einmal viereinhalb Millionen Einwohnern. Allein in London leben doppelt so viele Menschen. Doch Leo Varadkar ist ziemlich groß. Der irische Regierungschef überragt mit 1,93 Meter den bulligen britischen Premierminister Boris Johnson um Haupteslänge. Und als die beiden sich im vergangenen Oktober in einem feudalen Hotel in der Nähe von Liverpool trafen, zog Varadkar Johnson über den Tisch.

Johnson-Bezwinger Varadkar

Denn der Ire überredete den Briten zu einem Austrittsabkommen, das nach dem Brexit eine fühlbare Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland ausschließt. Varadkar brachte Johnson während eines Spaziergangs durch den Hotelpark auf den Pfad, der in den Wochen darauf zur Einigung zwischen London und Brüssel führte.

Die Wirtschaftsgrenze liegt nun nicht mehr auf der irischen Insel, sondern in der Irischen See. Damit hat Varadkar das Grenzproblem nach Großbritannien verschoben, also zwischen das Vereinigte Königreich und die britische Provinz Nordirland.

Sohn eines indischen Einwanderers

Varadkar erwies sich so als ziemlich ausgefuchster Verhandler. Das beste Ergebnis für Irland erreicht und den britischen Premier dabei auch noch glauben lassen, er selber habe mit diesem neuen Austrittsabkommen einen großartigen Verhandlungserfolg erzielt. Das muss man erst einmal schaffen.

Leo Varadkar ist nicht der Erste in seiner Familie, der den Briten seine Muskeln zeigte. Der Sohn eines indischen Einwanderers und einer irischen Mutter kann auf zwei Onkel zurückblicken, die an der Seite Mahatma Gandhis gegen die britischen Kolonialherrscher aufstanden.

Outing im erzkatholischen Irland

Leo Varadkar ist seit 2017 Taoiseach, Häuptling, wie die irischen Regierungschefs genannt werden. Schon zwei Jahre zuvor hatte er Geschichte geschrieben. Denn er hatte sich als erstes Regierungsmitglied in diesem erzkatholischen Land zu seiner Homosexualität bekannt – damals noch als Gesundheitsminister.

“Ich bin eigentlich eine sehr private Person. Und behalte mein Privatleben für mich. Aber ich bin schwul. Ich habe daraus zwar kein Geheimnis gemacht, aber ich sage es jetzt zum ersten Mal öffentlich.” Leo Varadkar, irischer Premierminister

Gesellschaftlicher Wandel in Irland

Dieses Outing, so ungewöhnlich es für das traditionelle Irland war, so sehr passte es plötzlich in das moderne Irland. Die Regierung hat in den vergangenen Jahren mit Zustimmung der Mehrheit der Iren das Abtreibungsrecht liberalisiert und für die rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare gesorgt.

Die katholische Kirche hat in Irland, auch wegen zahlreicher Missbrauchsskandale, stark an Einfluss verloren. Und so war die Zeit einfach reif für Varadkar, das schwule Einwandererkind, der wie sein Vater Arzt geworden war, bevor er in die Politik ging.

Irland ist möglicherweise zu links für Varadkar geworden

Varadkar und seine Fine Gael-Parteifreunde sind Liberal-Konservative – mehr Marktwirtschaftler als Sozialdemokraten. Die Partei für die, die früh aufstünden und hart arbeiteten, wie Varadkar 2017 erklärte.

Jetzt, zweieinhalb Jahre im Amt, könnte dieses Motto Varadkar auf die Füße fallen. Denn die irische Gesellschaft ist nicht nur liberaler geworden, sondern nach der großen Finanzkrise auch linker. Das marode Gesundheitssystem und die Wohnungsnot könnten deshalb zu Varadkars politischem Ende führen.

Schneller als geplant. Denn eigentlich will der Johnson-Bezwinger erst mit 51 nicht mehr in der Politik sein und etwas Anderes machen. Doch jetzt ist Leo Varadkar erst 41.