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Untersuchung findet systematisches Versagen bei tödlichstem Ärmelkanal-Unglück

Ein unabhängiger Untersuchungsbericht zum schwersten Bootsunglück im Ärmelkanal mit mindestens 27 Toten kommt zu einem vernichtenden Urteil: „Systematisches Versagen“, verpasste Chancen und chronischer Personalmangel bei den britischen Rettungskräften hätten direkt zum Tod von Menschen beigetragen. Der Bericht stellt fest, dass einige der Opfer gerettet werden konnten.

Eine Reihe folgenschwerer Fehlentscheidungen

Die Tragödie hatte sich in der Nacht zum 24. November 2021 ereignet, als ein überfülltes Schlauchboot kenterte. Nur zwei Menschen überlebten; sie wurden fast zwölf Stunden nach den ersten Notrufen in französischen Gewässern gefunden. Der Untersuchungsbericht unter Leitung von Sir Ross Cranston nennt drei Hauptgründe für die vermeidbaren Todesfälle.

Zum einen stellten Menschenhändler ein völlig ungeeignetes Boot, das mit mindestens 33 Personen überladen war. Zum anderen reagierte ein französisches Kriegsschiff namens „Flamant“, das dem havarierten Boot am nächsten war, nicht auf einen Notruf, was die Suche weiter verzögerte. Warum das Schiff nicht handelte, ist Gegenstand einer laufenden Strafuntersuchung in Frankreich.

Der dritte Grund lag bei der britischen Küstenwache (HM Coastguard). Diese traf eine Reihe fehlerhafter Entscheidungen bei der Suchaktion, die unter dem Codenamen „Charlie“ lief. Die Suche wurde am 24. November frühzeitig beendet, was auf Versäumnisse in der Dokumentation zurückgeführt wurde. Zudem herrschte laut Bericht unter den Rettungskräften der weitverbreitete Glaube, dass Anrufer von kleinen Booten ihren Notstand übertrieben.

„Hätte die Suche an diesem Tag fortgesetzt worden, wären einige der Todesfälle vermieden worden“, heißt es in dem Report. Die Mitarbeiter seien aufgrund chronischer Personalmängel in Dover in eine unhaltbare Position gebracht worden – ein bekanntes Problem, gegen das keine wirksamen Maßnahmen ergriffen worden seien. Dies stelle ein signifikantes, systemisches Versagen der Regierung dar.

Stundenlanges Leiden in eiskaltem Wasser

Während der Anhörungen wurde geschildert, wie der 16-jährige Kurde Mubin Rizghar Hussein mehrfach Notrufe absetzte, bevor er zusammen mit seiner Mutter und seinen zwei Schwestern starb. Ein Überlebender, Issa Mohamed Omar, schilderte, wie er sich in der eisigen See bewegte, um am Leben zu bleiben. „In der Früh waren schätzungsweise noch zehn Menschen am Leben“, sagte er. „Die ganze Nacht hielt ich mich an den Überresten des Bootes fest, am Morgen konnte ich Menschen schreien hören, das ist etwas, das ich nicht vergessen kann.“

Ein Kaltwasser-Experte kam zu dem Schluss, dass die meisten Opfer über einen langen Zeitraum starben, zwischen Sonnenaufgang um 7 Uhr und der Rettung am Nachmittag. Ein Opfer starb vermutlich nur eine halbe Stunde vor der Rettung.

Seit dem Unglück bis zum 3. Februar dieses Jahres haben laut britischem Innenministerium weitere 157.058 Menschen die gefährliche Überfahrt im kleinen Boot nach Großbritannien gewagt. Sir Ross Cranston erklärte, diese Überfahrten müssten aufhören, nicht zuletzt um weiteren Verlust von Menschenleben zu verhindern.

Der Bericht enthält 18 Empfehlungen zur Verbesserung der Rettungseinsätze. Zwar habe sich bei Personal und Ausstattung der Küstenwache seit 2021 vieles verbessert, und verbesserte Luftüberwachung sei nun einsatzbereit. Ein Sprecher der Maritime and Coastguard Agency erklärte, man werde die Ergebnisse sorgfältig prüfen. Die Anwältin der Hinterbliebenen, Maria Thomas, betonte, ohne die Untersuchung wären die Familien für immer im Unklaren über die letzten Stunden ihrer Angehörigen geblieben und das Ausmaß des systemischen Versagens unbekannt. Die damalige Regierung habe die Tragödie bereitwillig allein den Franzosen zugeschrieben, was nach den Erkenntnissen nicht haltbar sei.

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Thomas Kufus

Thomas Kufus ist Redakteur und Medienanalyst mit Schwerpunkt auf Film, Kultur und digitale Medien. Er schreibt über internationale Kino- und Streamingtrends sowie über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Medienbranche.

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