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Medizinstudium: Den Landarztmangel per Gesetz kurieren

Dem Landarztmangel will Bayern mit einer Quote entgegentreten. Der Zugang zum Studium wird für manche Studenten gelockert, die verpflichten sich im Gegenzug für zehn Jahre auf dem Land zu arbeiten. Die ersten Bewerbungsfristen laufen nun an.

Landarzt Siegfried Kopp versorgt in dem dünn besiedelten Gebiet in und um Wassertrüdingen im westlichen Mittelfranken kranke Menschen. Für den 65-Jährigen ist Landarzt Beruf und Berufung zugleich.

Allerdings sind er und die drei anderen Hausärzte in Wassertrüdingen im Durchschnitt über 62 Jahre alt. Bei den vielen Patienten, die sie haben, wird die Arbeit für sie immer mühsamer. Verschnaufpausen haben sie kaum noch.

Wenig Zeit für Untersuchungen

“Wir müssen halt immer das Nötigste machen und manchmal muss es auch sehr schnell gehen, schneller als es man eigentlich gerne haben möchte und man muss es dem Patienten dann auch sagen”, erklärt Siegfried Kopp. Hausbesuche gehören für den Landarzt zur Versorgung dazu. Das ist längst nicht selbstverständlich. Vielen Ärzten fehlt die Zeit, um ihre Patienten daheim zu betreuen. Die Rund-Um-die-Uhr-Bereitschaften, die Siegfried Kopp anbietet, schrecken viele junge Ärzte ab.

Neun Regionen von Landarzt-Mangel bedroht

Der 7000-Seelen-Gemeinde Wassertrüdingen mit ihren vielen Ortsteilen droht deshalb eine medizinische Unterversorgung. Nicht nur hier herrscht Landärzte-Mangel. Laut Kassenärztlicher Vereinigung sind derzeit neun Regionen betroffen: Gerolzhofen, Schweinfurt und Lohr am Main in Unterfranken, Speichersdorf in Oberfranken, Tirschenreuth in der Oberpfalz, Eggenfelden in Niederbayern und Scheinfeld, Dinkelsbühl und Wassertrüdingen in Mittelfranken.

Pflicht statt Freiwilligkeit

Über 35 Prozent der bayerischen Hausärzte sind, wie Siegfried Kopp über 60 und gehen bald in Ruhestand. Das verschärft die Situation. Eine “Landarztquote” soll jetzt helfen. Junge Menschen können sich ab dem Wintersemester in Bayern auf einen Studienplatz im Fach Humanmedizin bewerben, auch wenn sie kein Einser-Abitur haben. Dafür verpflichten sie sich, zehn Jahre in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Für die 20-jährige Hannah Hufnagl aus dem Landkreis Eichstätt kein Problem.

“Wenn man sich klar ist, was man später machen möchte und das es sein Traum ist, Medizin zu studieren und man ja als Arzt eh mehr als zehn Jahre arbeiten wird, dann vergehen diese Jahre, glaube ich, wie im Flug. Es ist eben eine Möglichkeit zu studieren und das sollte man im Vordergrund behalten.” Hannah Hufnagl

Praxis zählt mehr als Theorie

Mit ihrer Abiturnote von 1,7 müsste Hannah fast sieben Jahre auf einen Studienplatz in Humanmedizin warten. Über die “Landarztquote” kann das wesentlich schneller gehen. Denn Hannah arbeitet seit Jahren ehrenamtlich beim Bayerischen Roten Kreuz in Ingolstadt und hat dort eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin gemacht. Das sind beste Voraussetzungen, denn statt Abinote zählen nun praktische Erfahrungen:

Kriterien sind:

  • ein abgeschlossenes Hochschulstudium
  • ein medizinischer Eignungstest
  • eine Berufsausbildung in einem Gesundheitsberuf
  • eine aktive ehrenamtliche Tätigkeit

Die Idee dahinter ist, dass mit der “Landarztquoten” junge Menschen mit viel Sozialkompetenz als Ärzte für die Region gewonnen werden. “Argumente für mich, warum ich das interessant finde ist, dass ich meine Patienten ein Leben lang betreue”, erklärt Hannah. “Ich habe nicht wie im Krankenhaus oder stressigen Notarztleben einen Patienten für fünf Minuten und vergesse dann wieder alles über ihn.”

Bedarf an Landärzten ist hoch

So eine Landärztin wünscht sich die kleine Gemeinde Wieseth, 25 Auto-Minuten von Wassertrüdingen entfernt. 30 Jahren ist es her, dass hier zum letzten Mal ein Arzt tätig war. Jetzt hat die Gemeinde Räume für eine Praxis hergerichtet. Vor einem Viertel Jahr war eine Ärztin durchaus interessiert, doch das hat sich zerschlagen. Die Suche ist schwerer als gedacht.

“Man hört immer, dass die jungen Leute eher in der Stadt praktizieren wollen, aber bei uns ist es viel schöner.” Walter Kollmar, ehrenamtlicher Bürgermeister in Wieseth

Solange der Nachwuchs aber davon noch nicht überzeugt ist, bleibt es für die Bürger in Wieseth schwierig mit der ärztlichen Versorgung. Vor allem, weil es außer dem Schulbus keine öffentliche Anbindung gibt.

“Was bringt es wenn ich vielleicht um 11 Uhr einen Termin hab und der Bus fährt in der Früh um 8 Uhr?”, fragt der 82-jährige Friedrich Köhler. “Um vier Uhr kommt er wieder zurück. Was mache ich in der Zwischenzeit. In der Praxis warten ist unmöglich, da sind die Wartezimmer überfüllt dann.”

Weniger Landärzte, mehr Krankentransporte

Den Landärztemangel spüren auch die Rettungsdienste. Krankentransporte über weite Strecken sind für Hannah und Kollegin Michaela keine Seltenheit. Heute wartet eine Patientin mit Verdacht auf Lungenentzündung in einer 24 Kilometer entfernten Praxis. Die 82-Jährige Maria Schumacher muss sofort ins Krankenhaus nach Ingolstadt gebracht werden.

Hannah kommt als Rettungssanitäterin viel herum und kennt ungeplant lange Arbeitseinsätze. Trotzdem würde sie als Ärztin in Wieseth oder Wassertrüdingen arbeiten. “Man ist ja nicht an das Dorf gebunden. Man hat dennoch die Möglichkeit, am Wochenende in die Städte zu fahren”, sagt Hannah. “Ich finde das eigentlich total schön, wenn es nicht so anonym ist, sondern sich jeder kennt.”

Betreuung daheim oder im Altenheim

Für Siegfried Kopp ist es selbstverständlich, seine langjährigen Patienten auch im Altenheim weiter zu betreuen. Doch mit seinen 65 Jahren sucht er langsam eine geeignete Nachfolge. Es ist nicht leicht, jemanden zu finden. Die “Landarztquote” stimmt ihn zuversichtlich.

“Das könnte dazu beitragen, dass die Versorgung der immer älter werdenden Menschen auf dem Land gewährleistet ist.” Siegfried Kopp

Im Wintersemester starten die ersten bayerischen “Landquotenärzte” mit dem Studium. Bis sie dann ihre Facharztausbildung in der Region beginnen, werden aber noch einige Jahre vergehen.

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