LKW-Fahrer verklagt Optiker-Kette: Falscher Sehtest kostete angeblich Job und Gesundheit
Die Londoner High Court befasst sich mit einem Rechtsstreit, der grundsätzliche Fragen zur Verantwortung bei medizinischen Eignungstests aufwirft. Ein 62-jähriger Berufskraftfahrer aus Slough in Berkshire verlangt von der Optikerkette Specsavers Schadensersatz in Höhe von über 200.000 Pfund. Sein Vorwurf: Ein fehlerhafter Gesichtsfeldtest beim Optiker führte zur ungerechtfertigten Entziehung seiner LKW-Lizenz und in der Folge zu Jobverlust sowie schweren psychischen Erkrankungen.
Eine erfolgreiche Berufung und bleibende Schäden
Im Kern des Falles steht der Fahrer Francis Hodibert. Er musste sich im Sommer 2022 bei Specsavers zwei verpflichtenden Gesichtsfelduntersuchungen unterziehen, wie sie die Fahrerlaubnisbehörde DVLA für Berufskraftfahrer vorschreibt. Beide Tests bestand er nicht, woraufhin ihm die DVLA seine schwere LKW-Fahrerlaubnis entzog. Ohne diese Lizenz konnte Hodibert seiner Tätigkeit nicht mehr nachgehen.
Einem unabhängigen Test bei einem beratenden Augenarzt im Januar 2023 gelang jedoch die Widerlegung der ursprünglichen Ergebnisse: Hodibert bestand diese Untersuchung. Auf Basis dieses neuen Befunds legte er erfolgreich Widerspruch ein, und seine Fahrerlaubnis wurde am 31. März 2023 wieder eingestanden. Für den Kläger und sein Rechtsteam ist damit die Schuldfrage jedoch geklärt. Die anwaltliche Vertretung durch Michael O’Neill wirft dem Optiker vor, die Tests „so durchgeführt zu haben, dass sie falsche Ergebnisse lieferten“ und der DVLA einen „unzureichenden Bericht“ übermittelt hätten.
Die finanziellen Forderungen sind beträchtlich. Die Klage, die durch ein medizinisches Gutachten gestützt wird, beziffert den Schaden auf mehr als 200.000 britische Pfund. Specsavers hat indes angekündigt, sich gegen die Klage zur Wehr zu setzen. Ein Unternehmenssprecher bestätigte, man werde die Vorwürfe vor Gericht anfechten, ohne zunächst weitere Details zur Verteidigungsstrategie preiszugeben.
Eine Kettenreaktion mit persönlichen Folgen
Die Anklage beschreibt die Monate ohne Lizenz als zutiefst verunsichernde Phase, in der Hodibert seine berufliche Zukunft und Fähigkeiten infrage stellte. Der emotionalen Belastung, arbeitslos zu sein und nicht zu wissen, ob er jemals wieder fahren dürfe, schreibt seine Anwaltschaft die Entwicklung einer „sich verschlechternden gemischten Depression und Angststörung“ zu. Der seelische Schaden wird als so gravierend dargestellt, dass unsicher sei, ob Hodibert jemals wieder eine ausreichende Genesung erreichen wird, um arbeiten zu können – weder als LKW-Fahrer noch in anderer Funktion.
Der Fall unterstreicht die enormen Konsequenzen, die fehlerhafte Gesundheitschecks in sicherheitskritischen Berufen haben können. Die DVLA-Anforderungen an Berufskraftfahrer gehören zu den strengsten in Großbritannien. Schon ein kleiner Fehler bei der Durchführung oder Kommunikation der Ergebnisse kann existenzbedrohende Folgen für die Betroffenen und ihre Familien haben, wie auch Fachmedien anmerkten.
Die Entscheidung des High Court wird daher mit Spannung erwartet. Sollte Hodibert vor Gericht obsiegen, könnte dies Forderungen nach einer strengeren Regulierung oder gründlicheren Überwachung der bei Optikern durchgeführten Sehtests nach sich ziehen – insbesondere für den gewerblichen Fahrsektor. Ein Erfolg von Specsavers könnte das Vertrauen in das derzeitige System stärken, würde aber Fragen offenlassen, wie Fahrer künftig besser vor den Folgen potenzieller Testfehler geschützt werden können.
Bis dahin ist der Ausgang des Verfahrens offen. Der Prozess veranschaulicht, wie ein einzelner Termin im Testraum das gesamte Leben einer Person aus den Angeln heben kann und warum der Grenzbereich zwischen Gesundheit und Erwerbsfähigkeit mit so hohen Risiken behaftet ist. Das Urteil wird nicht nur über die Zukunft von Francis Hodibert entscheiden, sondern könnte auch die Maßstäbe für Sehtests bei Berufskraftfahrern im ganzen Land beeinflussen.