Kernwaffenkontrolle ohne Vertrag: Welt blickt auf ungesicherte Arsenale
Die letzte verbliebene Rüstungskontrollvereinbarung zwischen den Großmächten ist Geschichte. Am 5. Februar 2026 lief der New-START-Vertrag aus, wie die Agenturen EFE und AGERPRES berichteten. Damit befinden sich die beiden größten Nukleararsenale der Welt erstmals seit Jahren ohne vertragliche Obergrenzen. Die Entwicklung fällt mit angespanntesten geopolitischen Spannungen in Europa seit Jahrzehnten zusammen.
Ein Krisenherd und ein diplomatischer Zeitplan
Hintergrund ist der anhaltende Krieg in der Ukraine. Laut Financial Times und Kyiv Post haben Kiew und seine westlichen Verbündeten einen mehrstufigen Eskalationsplan für den Fall eines gebrochenen Waffenstillstands vereinbart. Bei einem Verstoß soll innerhalb von 24 Stunden eine diplomatische Warnung folgen. Setzen sich die Feindseligkeiten fort, würde zunächst die ukrainische Armee handeln. Sollte die Lage weiter eskalieren, träte eine „Koalition der Willigen“ – bestehend aus EU-Staaten, Großbritannien, Norwegen, Island und der Türkei – auf den Plan. Im äußersten Fall würde eine koordinierte, von den USA unterstützte Militärreaktion innerhalb von 72 Stunden nach dem anfänglichen Verstoß ausgelöst.
Vor diesem explosiven Hintergrund werden sich Unterhändler aus der Ukraine, Russland und den USA am 11. und 12. Februar 2026 in Abu Dhabi zu neuen Gesprächen treffen. Ziel ist ein Ende des Krieges, der bereits Zehntausende Tote und Millionen Vertriebene gefordert hat.
Der nun ausgelaufene New-START-Vertrag hatte jede Seite auf 1.550 stationierte strategische Gefechtsköpfe und 800 Startvorrichtungen begrenzt. Russland hatte seine Teilnahme jedoch bereits am 21. Februar 2023 ausgesetzt, was westliche Inspektionen der russischen Atomobjekte stoppte.
Die nackten Zahlen der globalen Bedrohung
Die aktuellen Bestände sind gewaltig. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI schätzt, dass die neun Atommächte weltweit Anfang 2025 über etwa 12.241 Kernwaffen verfügen. Davon gelten 9.614 als potenziell einsatzbereit, mehr als 3.900 sind aktiv stationiert. Besonders alarmierend: Rund 2.100 davon befinden sich in ständiger Hochalarmbereitschaft auf ballistischen Raketen.
Die USA und Russland kontrollieren gemeinsam 87 Prozent dieser Waffen. Die USA verfügen über 1.770 stationierte und 1.930 Reserve-Gefechtsköpfe, insgesamt also 3.700. Inklusive ausgemusterter Waffen beläuft sich der Gesamtbestand auf 5.177. Russland hat 1.718 stationierte und 2.591 Gefechtsköpfe in Reserve, mit einem Gesamtinventar von 5.459.
Die anderen Atommächte verfügen über kleinere, aber dennoch bedeutende Arsenale: Großbritannien (225, davon 120 stationiert), Frankreich (290, davon 280 stationiert), China (geschätzt 600, davon nur 24 stationiert), Indien (180), Pakistan (170), Nordkorea (50) und Israel (90).
Die historische Dimension ist tiefgreifend. Die USA, das einzige Land, das Atomwaffen in einem Krieg einsetzte – 1945 über Hiroshima und Nagasaki mit über 200.000 Toten – führte über tausend Tests durch. Die Sowjetunion bzw. Russland folgte mit über 200 Tests seit 1957.
Der Ruf nach einer neuen Vereinbarung wird lauter. Der ehemalige US-Präsident Donald Trump forderte laut AFP und Reuters: „Anstatt New START zu verlängern (…) sollten unsere Nuklearexperten an einem neuen, verbesserten und modernisierten Vertrag mit Russland arbeiten.“ Diese Forderung wird von vielen Rüstungskontrollexperten unterstützt, die vor einem neuen Wettrüsten oder fatalen Fehlkalkulationen warnen.
Die Geschichte der nuklearen Abrüstung reicht bis in die späten 1960er Jahre zurück, als mit dem SALT-1-Abkommen von 1972 erstmals die Anzahl interkontinentaler Raketen gedeckelt wurde. Die Zukunft ist nun ungewiss. In einer Welt ohne vertragliche Grenzen und mit einem schwelenden Konflikt in Europa ist die Dringlichkeit für neue diplomatische Wege größer denn je.