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Griechenlands neue Angst vor dem Erzfeind Türkei

60 Prozent der Griechen fürchten, dass es zu einem Krieg gegen die Türkei kommen könnte – zumindest zu einem Schlagabtausch auf dem Mittelmeer. Die Türkei will in einem Gebiet des Mittelmeeres nach Gas zu bohren, das auch Griechenland beansprucht.

Heftiger Streit auf hoher See. “Verlassen Sie sofort die türkischen Gewässer”, fordert die Besatzung eines Bootes der türkischen Küstenwache. Die griechischen Fischer brüllen von ihrem Kutter aus zurück: “Nein, machen wir nicht. Das hier ist griechisches Gewässer!” – solche Szenen wiederholen sich ständig im ägäischen Meer, wo griechische Inseln in Sichtweite zum türkischen Festland liegen, wo beide Seiten um Seegrenzen streiten.

Kampf um Schätze wie Gas und Öl unter dem Meeresboden

Der Konflikt hat sich längst aufs gesamte östliche Mittelmeer ausgedehnt, vor allem seitdem klar ist, dass unter dem Meeresboden Gas und Öl gewonnen werden können. Die vier Mittelmeer-Anrainer Griechenland, Zypern, Ägypten und Israel planen schon eine gemeinsame Pipeline. Sie haben mit Bohrungen nach Gas begonnen. Die Türkei, ebenfalls Mittelmeer-Anrainer, sieht sich ausgegrenzt. Und so hat sie vor gut zwei Monaten mit Libyen ein Abkommen über eine gemeinsame Seegrenze im Mittelmeer vereinbart, und zwar etwa auf halber Strecke zwischen den Küsten der Türkei und Libyens. Dass ziemlich genau dort auch die griechische Insel Kreta liegt, haben beide Seiten ignoriert. Als Insel habe Kreta keinen Festlandsockel und somit auch keinen Anspruch auf das Meeresgebiet vor der Küste – so die türkische Sichtweise.

Streit um das Meer vor Kreta

Nichtig und ungültig sei das Abkommen zwischen der Türkei und Libyen, meint dagegen der Athener Professor Panagiotis Tsákonas von der Denkfabrik Eliamep. Das Abkommen verstoße gegen internationales Recht, gegen das Seerechtsabkommen. Das Meer vor Kreta gehöre Griechenland. Die Türkei aber hat das Seerechtsabkommen nicht unterzeichnet, sieht sich also nicht daran gebunden und will Forschungsschiffe vor die Küste Kretas schicken. Der griechische Diplomat Aléxandros Melliás warnt: “Herr Erdogan selbst hat gesagt, dass sie das tun wollen, und zwar noch in diesem Jahr. Wir sind also dazu gezwungen, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.”, so Melliás.

Spekulationen in Medien schüren Ängste in Bevölkerung

Alle “Eventualitäten” – im Klartext heißt das: Notfalls müssten griechische Kriegsschiffe die türkischen Forschungsschiffe mit Waffen-Gewalt verjagen. In griechischen Fernseh-Talkshows und Zeitungen wird seit Tagen eifrig spekuliert: Schießen bald türkische und griechische Kriegsschiffe aufeinander? Kommt es zur Seeschlacht vor Zypern, wo die Türkei bereits nach Gas bohrt? Oder werden türkische Soldaten eine griechische Insel besetzen? Professor Tsákonas von der Denkfabrik Eliamep schüttelt den Kopf: nein, nein, soweit werde es nicht kommen:

“Was eher wahrscheinlich ist, dass Erdogan – oder sagen wir “Erdogans Türkei” – ein Schiff in griechische Hoheitsgewässer schickt, zum Beispiel vor die Küste Kretas, um damit die griechische Reaktion zu testen. Das könnte dann zu einem heißen Zwischenfall werden. Mehr aber auch nicht.” Panagiotis Tsákonas, Denkfabrik Eliamep

Griechenland soll auf Diplomatie und Abschreckung setzen

Ein “heißer Zwischenfall” – was heißt das? Vielleicht ein paar Kanonenschüsse? – Panagiotis Tsákonas möchte nicht spekulieren. Griechenland solle vielmehr auf Diplomatie und auf Abschreckung setzen. Diplomatie heißt: alle Gesprächskanäle in die Türkei offen halten und verhandeln. Abschreckung heißt: Flagge zeigen, auch mit Militär im Mittelmeer. Das meint auch der Diplomat Aléxandros Melliás und beruft sich auf den preußischen Generalmajor Carl von Clausewitz, der schon vor 200 Jahren über Strategie, Taktik und Kriegsführung nachdachte und heute in Griechenland sehr populär sei. Um einen Konflikt zu vermeiden, müsse man sehr gut auf diesen Konflikt vorbereitet sein, so zitiert der Athener Diplomat den preußischen Militär-Vordenker.

Frankreich als Verbündeter und Wirtschaftspartner

Zur Abschreckung zählen auch Verbündete. Professor Tsákonas ist froh, dass sich Frankreich deutlich auf die Seite Griechenlands und Zyperns gestellt hat. Er glaubt, dass das Engagement Frankreichs eine abschreckende Wirkung haben und die Türkei davon abhalten werde , vorsätzlich eine militärische Auseinandersetzung zu provozieren, so Professor Tsákonas.

Frankreich verfolgt auch eigene Interessen im Mittelmeer – schließlich hat die Republik Zypern den französischen Konzern “Total” mit Gas-Bohrungen beauftragt. Ende dieses Monats soll der französische Flugzeugträger Charles de Gaulle für ein paar Tage im zyprischen Hafen Limassol festmachen – durchaus auch als Zeichen der Abschreckung gegen die Türkei.