Neue Studie: Statine verursachen deutlich weniger Nebenwirkungen als gedacht
Eine großangelegte Analyse der Universität Oxford kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Die weit verbreiteten Cholesterinsenker Statine sind für die meisten auf Beipackzetteln gelisteten Nebenwirkungen nicht verantwortlich. Die Forscher fordern eine Überarbeitung der offiziellen Informationen, da falsche Angaben Millionen Menschen von der lebensrettenden Einnahme abhielten.
„Unwiderlegbare Beweise“ aus großen Studien
Das Team von Oxford Population Health wertete Daten aus 23 großen randomisierten kontrollierten Studien mit über 150.000 Teilnehmern aus. Dabei fanden sie heraus, dass nur vier von 66 zuvor mit Statinen in Verbindung gebrachten „unerwünschten Folgen“ tatsächlich auf das Medikament zurückzuführen waren.
Studienleiterin Professorin Christina Reith erklärte: „Es gibt kein signifikant erhöhtes Risiko durch Statine für fast alle Zustände, die in der Packungsbeilage als mögliche Nebenwirkungen aufgeführt sind.“ Dazu zählen laut der im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlichten Studie Gedächtnisverlust, Demenz, Schlafstörungen, Gewichtszunahme, Depressionen, Übelkeit, Müdigkeit und Kopfschmerzen.
„Das heißt nicht, dass Menschen, die Statine nehmen, diese Probleme nicht erleben. Das sind häufige Beschwerden. Aber wir konnten zuverlässig zeigen, dass Statine diese häufig erlebten Ereignisse nicht häufiger auftreten lassen“, so Reith. Die Ergebnisse lieferten nun „unwiderlegbare Beweise“.
Zu den tatsächlich identifizierten, aber geringen Risiken zählen leichte Anstiege des Blutzuckers bei Diabetes-gefährdeten Personen, leichte Anomalien bei Leberbluttests sowie ein minimal erhöhtes Risiko für abnorme Leberenzymwerte, Urinveränderungen und Wassereinlagerungen (Ödeme). Kein erhöhtes Risiko gab es für Lebererkrankungen.
Besonders auffällig war das Ergebnis zu Muskelsymptomen, die häufig als Grund für einen Abbruch der Therapie genannt werden: 27,1 Prozent der Statin-Nutzer berichteten davon, aber auch 26,6 Prozent derjenigen, die nur ein Placebo einnahmen.
Folgenreiche Fehlinformationen
Die Forscher kritisieren, dass seit Jahrzehnten irreführende Informationen im Umlauf seien. Professor Bryan Williams, leitender Wissenschaftler der British Heart Foundation, nannte die Studie eine „hervorragende Auswertung der besten verfügbaren Daten“. Er betonte: „Die große Frage ist: ‚Stehen die Nebenwirkungen im Zusammenhang mit dem Medikament?‘ Die Antwort lautet größtenteils: ‚Nein‘.“
Diese Erkenntnis sei eine „sehr kraftvolle Botschaft“ für die Öffentlichkeit. Sie könnte dazu führen, dass sechs bis acht Millionen Menschen in Großbritannien, denen Statine verschrieben werden sollten, ihre ablehnende Haltung überdenken. Williams schätzt, dass etwa 50 Prozent der Patienten, die von den „außergewöhnlichen Medikamenten“ profitieren würden, sie aus verschiedenen Gründen nicht erhielten.
Derzeit nehmen schätzungsweise acht Millionen Menschen in Großbritannien täglich Statine wie Atorvastatin, um die Produktion des „schlechten“ LDL-Cholesterins in der Leber zu verringern. Allein in Schottland wurden 2024/25 3,78 Millionen Packungen Atorvastatin abgegeben. Das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) hatte 2023 mitgeteilt, dass bis zu 15 Millionen weitere Briten von der Medikation profitieren könnten.
Professor Reith kritisierte die aktuellen Beipackzettel scharf: „Wenn Patienten den Beipackzettel herausnehmen, ist es erstaunlich, dass Menschen überhaupt Medikamente nehmen, denn er ist ziemlich alarmierend.“ Sie hofft auf eine Anpassung der Informationen durch die Arzneimittelbehörden, um Patienten und Ärzte besser über den wahren Nutzen und das Risiko aufzuklären.
Der Mitautor der Studie, Professor Sir Rory Collins, wies auch die Idee zurück, Medikamente zugunsten von Lebensstiländerungen zu meiden. Er verwies auf die unbestrittene Wirksamkeit von Statinen und sagte: „Wenn Sie ein hohes Risiko haben […] die Frage ist: Warum würden Sie sie nicht nehmen?“
Professor Williams unterstrich die historische Bedeutung der Statine für die öffentliche Gesundheit. Er erinnerte sich an seine Zeit als Assistenzarzt auf der Herzstation, als 70 Prozent der Patienten starben – heute gingen mindestens 80 Prozent nach Hause. Diese „komplette Transformation“ sei maßgeblich auf Prävention zurückzuführen, vor allem auf Cholesterin- und Blutdruckkontrolle sowie Rauchstopp. Diese Erfolge seien jedoch gefährdet, da die Nation ungesündere Lebensstile annehme. Die neuen Erkenntnisse sollen nun verhindern, dass Patienten aus falscher Angst vor Nebenwirkungen auf einen entscheidenden Schutz verzichten.