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Missbrauchsskandal: Die katholische Kirche muss endlich

Vor genau zehn Jahren erreichte der Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche Deutschland. Damals wurde bekannt, dass am Berliner Canisius-Kolleg in den 1970er und 1980er Jahren zahlreiche junge Menschen von katholischen Geistlichen sexuell missbraucht wurden.

Insbesondere die systematische Vertuschung lässt einen auch heute noch fassungslos zurück. Der Prozess der Aufarbeitung war in der Gesamtbetrachtung quälend. Mit dem “Synodalweg” wird nun ein neuer Prozess eingeleitet. Was er braucht, sind Konsequenzen.

Missbrauch ist keine Frage von katholisch oder evangelisch, keine Frage von Kirche oder Religion. Missbrauch findet in unserer Gesellschaft ständig statt, am häufigsten in der Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis. Das heißt, dort sind Menschen auf der Suche nach Sicherheit und Vertrauen am verwundbarsten. Die Zahl der Kinder, die von der Polizei als Opfer sexuellen Missbrauchs erfasst werden, lag in den letzten 10 Jahren stets bei etwa 14.000 pro Jahr. Vielleicht hat die Aufmerksamkeit für das Thema zu einem verstärkten Meldeverhalten geführt. Es ist wahrscheinlich, dass noch immer ein großes Dunkelfeld besteht.

An den Gastautor
Lars Castellucci ist seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort ist er der SPD-Sprecher für Migration und Integration und Beauftragter für Kirchen und Religionsgemeinschaften sowie stellvertretender innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Die Unabhängige Kommission zur Untersuchung von sexuellem Kindesmissbrauch hat im vergangenen Jahr einen Bericht darüber vorgelegt, was geschehen muss, um Licht in diese Angelegenheit zu bringen. Unter anderem muessen die Geschichten und Botschaften der Betroffenen die Oeffentlichkeit erreichen, um mehr Aufmerksamkeit zu erregen. Die Betroffenen brauchen mehr therapeutische und finanzielle Unterstützung.

Die Kirche muss sich dem Thema stellen, um das Vertrauen zurückzugewinnen.
Man muss von der Kirche eine vorbildliche Vergangenheitsbewältigung erwarten können. Mehr noch: Unter der Last der Schuld droht die Kirche ihre eigentliche Botschaft zu verlieren. Aber genau das ist in einer Zeit, in der Orientierungslosigkeit herrscht, notwendig. Es ist bedauerlich, dass durch die Fehler einer kleinen Minderheit auch das Vertrauen in diejenigen beeinträchtigt wird, die Tag für Tag mit Integrität und großem Engagement in den Kirchen arbeiten. Nun könnte das Thema vermieden werden, um sie zu schützen. Doch damit ist das Gegenteil erreicht worden. Es ist dasselbe wie in der Politik: Nur wer Fehler zugibt und glaubwürdig versucht, sie in Zukunft zu vermeiden, hat eine Chance auf neues Vertrauen. Deshalb müssen wir uns dem Problem stellen.

Zehn Jahre, quälende Jahre nach der Aufdeckung der Ereignisse im Berliner Kolleg, kommt das erste Treffen des Synodalwegs der katholischen Kirche in Deutschland zusammen. Was das sein soll, wird den wenigsten Lesern sofort klar sein. Die Sprache offenbart einen Teil des Problems: die eigene Welt. Der Missbrauchsskandal ist jedenfalls der entscheidende Auslöser für den Synodalen Weg.

Die Kirche muss Fragen beantworten
Zölibat, Diskriminierung von Frauen, Umgang mit Homosexualität und Sexualmoral, Missachtung der Rechtsstaatlichkeit – hinter dem Missbrauch stehen strukturelle Fragen. Die Sorge um die weltweite Einheit der Kirche darf kein Grund sein, diesen Fragen auszuweichen. Im Rahmen des Synodalen Weges wurden nun Arbeitsgruppen zu diesem Zweck eingerichtet. Entscheidend sind natürlich Ergebnisse und konkrete Veränderungen.

Die Öffentlichkeit hat zu Recht Anspruch auf Klarheit über das Geschehene, den Umgang damit und die Möglichkeiten, wie es in Zukunft verhindert werden kann. Dies erfordert nicht nur Beteiligungsprozesse, sondern in erster Linie Führung und damit die Übernahme von Verantwortung, klare Aussagen und den Willen, ihnen zu helfen, sich durchzusetzen – auch gegenüber Rom. Das heißt: Die Bischöfe sind an der Reihe.

Kompensation und personelle Konsequenzen sind noch nicht geklärt
Im Hinblick auf die Bearbeitung sind viele einzelne Punkte positiv hervorzuheben. Dazu gehören die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene so genannte MHG-Studie, viele persönliche Gespräche der Bischöfe mit den Opfern oder die intensive Präventionsarbeit, zum Beispiel durch Schulungen.

Lücken gibt es allerdings noch bei den Fragen der Entschädigung und der personellen Konsequenzen auf der Führungsebene, wo der Missbrauch vertuscht wurde. Diese Fragen werden nicht auf “synodale Weise” gelöst.

Wie sieht eine Gesamtbetrachtung aus? Die Bearbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche umfasst die folgenden acht Aspekte:

Umgang mit den Opfern
Erstens geht es vor allem um die noch lebenden Opfer. Ihr Leiden muss anerkannt werden. Eine kriminelle Einschätzung ist notwendig.

Der Kern der Sache sind finanzielle Vorteile, die kein Leiden ungeschehen machen oder kompensieren können, die aber zeigen, wie ernst der Prozess der Aufarbeitung ist oder nicht.

Strafrechtliche Bewertung der Täterinnen und Täter
Zweitens geht es auch um die Täter, die noch am Leben sind