Deutschlands Impfung: Warum ist es so langsam?

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Für die langsame Entwicklung von Impfstoffen in Deutschland wird die deutsche Regierung verantwortlich gemacht. Sind die Vorwürfe gerechtfertigt? Und wie könnte sich das ändern? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Entsteht in Deutschland ein “Impf-Chaos”?

Die Kritik an einem “Impfchaos” in Deutschland kommt aus verschiedenen Richtungen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sprach im ARD-Morgenmagazin von “chaotischen Zuständen”, Deutschland sei “viel schlechter dran als andere Länder”

Es sei sehr wenig Impfstoff bestellt worden und “kaum eine vorbereitete Strategie mit den Bundesländern zusammen.” Ähnlich äußerten sich auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Gesundheitspolitiker anderer Parteien.

Zuvor hatte auch die Leopoldina-Forscherin Frauke Zipp die Bestellpolitik der Bundesregierung scharf kritisiert. Sie sprach in einem Zeitungsinterview von “grobem Versagen der Verantwortlichen” und stellte in Frage, warum im Sommer nicht mehr Impfstoff nachbestellt worden sei. “Gesundheitsminister Jens Spahn verteidigte in einem Interview mit der “Rheinischen Daily” das Vorgehen der Bundesregierung: “Das Problem ist nicht die bestellte Menge. Wir haben genug bestellt. Das Problem ist die geringe Produktionskapazität am Anfang – bei extrem hoher Nachfrage weltweit.” Es sei klar, dass es am Anfang zu einer Verknappung kommen werde.

Bis Ende 2020 seien wie vereinbart 1,3 Millionen Impfdosen geliefert worden, sagte die Bundesregierung, am 8. Januar kamen 870.000 hinzu. Spahn rechnet mit vier Millionen Impfdosen des Biontech/Pfizer-Impfstoffs bis Ende Januar. Die Zulassung des Moderna-Impfstoffs ist unumgänglich. Über die EU wurden insgesamt 50 Millionen Dosen für Deutschland gesichert. Über weitere Dosen wird jetzt bundesweit verhandelt.

Von einem Impftrubel könne keine Rede sein, sagen die verschiedenen Gesundheitsämter der Bundesländer auf Nachfrage von tagesschau.de. Das Problem sei lediglich ein Impfstoffmangel. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach behauptet, die gemeinsame Impfstoffbestellung in Europa sei richtig gewesen. Dennoch, sagt er, sei die EU mit zu wenig Kapital in die Gespräche gegangen, habe zu lange verhandelt und auf die falschen Pferde gesetzt. Wäre Moderna zum Beispiel ein französischer Impfstoff, hätten wir sicher mehr bestellt”, war in Fachkreisen schon früh klar, dass es sich um einen wirklich wirksamen Impfstoff handelt. Stattdessen spielten nationale Erwägungen eine Rolle, was nicht der Fall sein sollte.

Warum kommen die Impfungen so langsam voran?

Bisher wurden laut Robert-Koch-Institut (RKI) bundesweit knapp 266.000 Impfdosen verteilt (Stand: 04.01.). Nicht viel, wenn man bedenkt, dass bereits 1,3 Millionen Impfdosen zur Verfügung stehen. “Mit der Entscheidung, zuerst in Pflegeheimen zu impfen, war klar, dass es langsamer losgehen würde. Dort müssen mobile Teams eingesetzt werden, was zeitaufwändiger ist als in der Impfzentrale”, erklärte Spahn in der “Rheinischen Post”. Er sei aber zuversichtlich, dass bis Ende Januar allen Pflegeheimbewohnern die Impfung angeboten werden könne. Die Pandemie habe bereits einen Teil ihrer Angst verloren, da viele geimpft seien.

Eine andere Erklärung für die Differenz dürfte sein: Da jeder zweimal geimpft werden muss, damit der Impfstoff vollständig wirkt, halten die Länder die Hälfte des Impfstoffs zurück, um für die zweite Impfung auf jeden Fall ausreichend Dosen bereitzustellen. Diese Strategie steht im Einklang mit der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko).

Die Bundesländer begründen die bisher niedrigen Zahlen vor allem mit der mangelnden Verfügbarkeit des Impfstoffs. In Berlin beispielsweise ist neben den 60 mobilen Impfteams nur eine von insgesamt sechs Impfstellen in Betrieb, da in den anderen Stellen nicht genügend Impfungen angesetzt werden können.

Die Einladungen wurden – in Verbindung mit der empfohlenen Impfserie – zunächst an die über 90-Jährigen verschickt. Im Interview mit tagesschau.de sagt der zuständige Impfkoordinator Albrecht Broemme, dass die Einladung für alle anderen noch keinen Sinn macht: “Wir können nicht mehr impfen, als wir Impfstoff haben.”

In Bayern ist die Situation eng. Dort werden nach Angaben des bayerischen Gesundheitsministeriums täglich 38.000 Impfstoffe benötigt, an sieben Tagen in der Woche. Allerdings wurden dort laut RKI bisher nur gut 66.000 Menschen geimpft. Mit einer gewissen Verzögerung erfasst die RKI-Statistik jedoch die Zahlen. Knapp über 70.000 Menschen wurden nach Angaben des bayerischen Gesundheitsministeriums bereits geimpft.

Wie bekomme ich einen Termin für eine Impfung?

Jedes Bundesland hat seine eigenen Regeln, wie Impftermine vergeben werden. Wer zum Impfen angemeldet ist, wird in den meisten Bundesländern zunächst kontaktiert und kann dann telefonisch oder online einen Termin vereinbaren. In Bayern zum Beispiel werden über 80-Jährige, die nicht in einem Heim leben, per Brief benachrichtigt und können über die 116 117 telefonisch einen Termin vereinbaren. Über eine Postleitzahlenabfrage werden sie direkt mit der entsprechenden Impfstelle verbunden. Es gibt auch eine eigene Online-Seite.

Auch in Berlin erfolgt die Einladung zunächst schriftlich und die Terminbuchung per Vorwahl am Telefon oder online; in Bremen ist das Verfahren identisch.

Das Impfzentrum in den Messehallen in Hamburg startet am Dienstag; auch hier muss vorab online oder telefonisch ein Termin vereinbart werden. Die Impfzentren in Hessen starten voraussichtlich am 19. Januar. In Rheinland-Pfalz sind Termine ab dem 4. Januar über die Hotline 0800-5758100 oder über die Website impftermin.rlp.de möglich.

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