64 Risikoregionen im menschlichen Genom für bipolare Strungen

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64 Risikoregionen im menschlichen Genom für bipolare Strungen

Die bipolare Störung ist weitgehend genetisch bedingt, so eine neue genomweite Assoziationsstudie. Die Form I könnte genetische Ursprünge in der Schizophrenie haben, so die in Nature Genetics (2021; DOI: 10.1038/s41588-021-00857-4) berichteten Ergebnisse, während die Form II enger mit der Depression verbunden ist. Antihypertensive Medikamente können einen Einfluss auf einige Risikogene haben.

Die bipolare Störung neigt dazu, in Familien zu verlaufen. Nach Zwillings- und Familienstudien liegt die Erblichkeit zwischen 60 und 85 Prozent. Infolgedessen gab es zahlreiche Versuche, die verantwortlichen Gene zu identifizieren. Genomweite Assoziationsstudien (GWAS), bei denen die Genome möglichst vieler Patienten mit denen von Gesunden verglichen werden, sind heute ein gängiges Instrument. In diesen Studien wird nach häufigen Genvarianten, auch Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs) genannt, bei Patienten gesucht.

Die Forschung des Psychiatric Genomics Consortium ist die dritte GWAS zu bipolaren Strangen. An 7,5 Millionen Stellen untersuchten 320 Forscher die Gene von 41.917 Patienten aus Europa, Nordamerika und Australien. Dabei wurden zahlreiche neue Assoziationen entdeckt, so dass die Gesamtzahl der bekannten Genorte, an denen sich bipolar strandende Patienten von anderen Menschen unterscheiden, von 33 auf 65 gestiegen ist.

Die Genorte sind über das gesamte Genom verstreut, was die Theorie unterstützt, dass die Krankheit durch mehrere Faktoren verursacht wird. Die Arbeit der Gene, in denen die SNPs gefunden werden, ist zum Teil verstanden. Das führt natürlich zu Spekulationen, besonders wenn die Gene im Gehirn aktiv sind.

Einige Gene kodieren für den Bau von Ionenkanälen, die sich auf den Membranen von Nervenzellen befinden und für die Signalübertragung im Gehirn durch Aktionspotentiale verantwortlich sind. Prof. Andreas Forstner vom Institut für Humangenetik des Universitätsklinikums Bonn, der zusammen mit Forschern der Icahn School of Medicine in New York und der Universität Oslo federführend an der Auswertung der Ergebnisse beteiligt war, fand, dass Kalziumkanäle besonders auffällig sind.

Kalziumkanäle, die auch in anderen Organen vorkommen, sind schon lange ein Ziel für Medikamente. Kalziumkanalblocker werden in der Kardiologie zum Beispiel zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen eingesetzt. Sie können auch Menschen mit bipolaren Störungen helfen, so die neue Forschung.

Ob dies der Fall ist, lässt sich jedoch nicht mit den Ergebnissen einer GWAS feststellen. Der Einsatz von Kalziumkanalblockern bei Patienten mit bipolarer Störung ist kein neues Konzept. Die Wirksamkeit hingegen muss erst noch nachgewiesen werden. Die neuen Erkenntnisse könnten zu weiteren klinischen Studien führen.

Ein weiteres Ergebnis der GWAS ist die Einteilung der bipolaren Störung in zwei Typen. Psychiater kennen seit langem eine Depression vom Typ I, bei der auf Phasen hoher Stimmung eine tiefe Depression folgt. Manische Depression ist ein anderer Name für Typ I Depression. Sie betrifft etwa 1 % der Bevölkerung. Für die Patienten ist es die schwerste Form der Erkrankung, da das Suizidrisiko während der manischen Phasen deutlich höher ist.

Die neue GWAS legt nahe, dass der Typ I mit der Schizophrenie verwandt ist. In früheren GWAS waren insgesamt 17 Genloci des bipolaren Strangs mit Schizophrenie in Verbindung gebracht worden.

Die bipolare Strangform II hingegen hat keine euphorischen Episoden und betrifft etwa 4 % der Bevölkerung. Der Verlauf ist sanfter, und es besteht ein geringeres Risiko für Selbstmord. Insgesamt 7 Genloci, die in der aktuellen GWAS gefunden wurden, sind auch mit Depressionen assoziiert.

Das Forscherteam fand auch genetische Überschneidungen zwischen bipolarer Störung und Schlafgewohnheiten, sowie mit Alkohol- und Substanzkonsum und Tabakrauchen. Rauchen wurde mit einem erhöhten Risiko für eine bipolare Störung in Verbindung gebracht. Beim problematischen Alkoholkonsum hingegen deuten die Analysen auf eine bidirektionale Beziehung hin: Menschen mit einer Veranlagung zur bipolaren Störung trinken häufiger; umgekehrt scheint dieses Verhalten auch die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sie die Störung entwickeln.

Forstner rät, die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren. Die nachgewiesenen Zusammenhänge zwischen bestimmten Verhaltensweisen und bipolarer Störung müssen erst in weiteren groß angelegten Studien untersucht werden.

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