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Wie Netflix mit einer Doku-Serie das Corona-Momentum nutzt

“Pandemie: Wie man den Ausbruch verhindert” soll zeigen, wie die Menschheit von weltweiten Seuchen bedroht ist – und wie sie sich wappnen kann. Nur leider fühlt sich die Mini-Serie an wie die Corona-Panikmache-Überschriften von Boulevard-Blättern.

Auf riesigen Weltkarten weisen Pfeile von einem Kontinent zum anderen, gern in alarmierendem Rot, denn die Farbe ist markant und signalisiert sofort: Hier passiert etwas Schlimmes. Solche Grafiken und Animationen kennen wir, wenn es um Krankheiten und deren Ausbreitung geht, vor allem, wenn noch unklar ist: Handelt es sich um eine Pandemie, also eine weltweite Seuche, oder nicht?

Wir sind umgeben von Ausbrüchen

Wie gefährdet sind wir in den verschiedenen Teilen der Erde? Diese Frage versucht die Mini-Doku-Serie “Pandemie” eingehender zu beantworten, indem sie mehrere Geschichten erzählt – von Ärzt*innen, Forscher*innen, freiwilligen Helfer*innen – überall auf der Welt. Ägypten, Guatemala, Indien, das Hauptaugenmerk aber liegt auf den USA. Auf einer Ärztin, die die einzige Medizinerin im gesamten Krankenhaus ihres Countys ist, auf einer Forschergruppe, die einen universellen Grippeimpfstoff entwickeln will und auf einer Forscherin, die unter anderem das Personal von Krankenhäusern trainiert. In deren Übung werden die Symptome eines Patienten schon bei der Anmeldung auf Ebola gedeutet und entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Wir seien umgeben von solchen Ausbrüchen, es wäre entscheidend, darauf vorbereitet zu sein.

Im Mittelpunkt stehen die, deren Job die Angst vor Pandemien ist

Mit solchen Hauptdarsteller*innen braucht die Serie “Pandemie” eine ganze Weile, bis sie wirklich Fahrt aufnimmt. Denn all diese Personen leben davon, die Ausbreitung von Krankheitserregern zu verhindern. Sie machen genau deswegen auch ständig dramatische Aussagen. Logisch: Würde keine Gefahr bestehen, wären sie alle ihren Job oder ihre Förderungen los. Der Streaminganbieter Netflix, der hier sicherlich auch ein Corona-Momentum nutzt, holt mit den ersten Folgen zunächst einmal alle ab, die ohnehin schon in erhöhter Alarmbereitschaft leben. Die wirklich spannenden Einblicke in Berufe und Strategien, die den Ausbruch von Pandemien verhindern sollen, muss man sich als Zuschauer*in schon mit viel Geduld erkämpfen.

Wie die paar Momente, in denen wir eine Tierärztin begleiten, die zusammen mit Jägern Enten einfängt, um Abstriche zu machen, und später in einer Laborumgebung untersucht, welche Subtypen der Influenza in dieser Region auftreten. Denn gerade Wildvögel würden Erreger verbreiten, nur ansehen könne man es ihnen nicht. Hier wird Kontrolle, die bei Nutztieren im Idealfall gängig ist, auf Wildtiere angewendet.

Die wirklich spannenden Ansätze kommen zu kurz

Spannender wäre auch gewesen, einen Forscher weiter zu verfolgen, der präventiv versucht herauszufinden, wo wann welche Krankheiten entstehen könnten und einige der wenigen aktuellen, gesellschaftskritischen Sätze äußern darf: “Das Bevölkerungswachstum führt zu einem größeren Bedarf an tierischen Proteinen und als Folge daraus ist die Viehzucht größer als je zuvor. Das Problem daran ist, dass die bloße Menge an Tieren auf so engem Raum das Risiko erhört, dass ein Virus sich rapide ausbreitet und mutiert. Wir können zwar nicht vorhersagen, wo die nächste Influenza-Pandemie herkommen wird, aber es gibt Länder, die wir besonders genau beobachten. China ist eines davon.”

Die Option Impfung

Unser Alltag ist globalisiert. Und das wollen wir auch nicht anders, wie wir durch unser Kaufverhalten zeigen, durch unsere Urlaube, auch dadurch, dass wir uns die Freiheit nehmen, Verwandte in den USA oder Freunde in Neuseeland zu besuchen. Was wir aber ohne großen Aufwand tun könnten – und hier ist die Mini-Doku trotz Darstellung beider Seiten sehr klar: Wir könnten einen Luxus wahrnehmen und uns impfen lassen.

Was ein wenig plump daherkommt, wird politisch untermauert, etwa mit dem Beispiel von Geflüchteten, die – in den USA angekommen – geimpft werden wollen und sollen. Obwohl die helfenden Organisationen oft nicht genug unterstützt werden. Mit teils verheerenden Folgen, wie dem Schließen eines Auffanglagers von Migranten aus Angst vor einem potenziell tödlichen Grippeausbruch oder dem Tod des 16-jährigen Carlos Gregorio Hernandez Vasquez aus Guatemala, der in einem Lager in McAllen, Texas, in der Obhut des Grenzschutzes starb. Den Meldungen nach, auf die die Doku zurückgreift, ist das eine Folge aktueller Politik. Vor der Trump-Regierung hätte es zehn Jahre lang keinen einzigen solchen Todesfall gegeben.

Unzusammenhängende Erzählung mit einem Hauch von Panikmache

Und das ist ein Aspekt, der im Hinblick auf nationale und territoriale Grenzen auch in Europa berücksichtigt werden sollte. Denn obwohl wir immer von der Globalisierung sprechen, wenn wir uns bedroht fühlen, vergessen wir dabei oft, dass diese weltweite Vernetzung uns selbst als mögliche Träger von Krankheitserregern und damit als Verbreiter einschließt. Und wir auch andere gefährden können, wenn wir nichts unternehmen.

Schade nur, dass die Mini-Doku-Serie so unzusammenhängend erzählt, dass solche hoffnungsvolleren, weil andere Perspektiven aufzeigenden Aspekte schnell in den Hintergrund treten. Die verschiedenen Geschichten werden abwechselnd weitererzählt, ohne dass zwangsläufig irgendein Zusammenhang oder Grund für den Sprung von den USA nach Ägypten erkennbar wäre.

So ist es eher verwirrend, immer wieder zu verstehen, wo man gerade ist oder was nochmal genau die individuelle Mission war. Bei einer Folge pro Profession könnte deutlich mehr hängen bleiben. Aber statt jeden Ansatz ausgiebig und ausreichend zu erklären, präsentiert man uns drei Minuten später lieber wieder einen Hauch von Panikmache. Davon gibt es aber schon genug.

“Pandemie” ist mit deutschen Untertiteln und Audio bei Netflix abrufbar.

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