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Warum die Kunstfreiheit von rechts und links bedroht ist

Die Kunstfreiheit ist bedroht: Zu diesem Schluss kommt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda in seinem Buch “Die Kunst der Demokratie”. Einen Grund sieht er im zunehmenden Rechtspopulismus. Aber auch aus dem linksliberalen Milieu kämen Attacken.

Kunst, heißt es immer wieder, komme von “können”. Käme es von “wollen”, müsste es ja schließlich “Wunst” heißen. Wenn von der “Kunst der Demokratie” die Rede ist, würde das bedeuten, dass der Mensch Demokratie nicht per se beherrscht, sondern zu dieser Kunst erst befähigt werden muss, um es zur Könnerschaft zu bringen. “Kunst der Demokratie” – das kann aber auch ganz simpel die Kunst meinen, die eine Demokratie hervorbringt. Der Titel des neuen Buchs von Carsten Brosda, dem Senator für Kultur und Medien in Hamburg, ist also durchaus mehrdeutig. Welche konkreten Bedeutungen er dem Titel sieht, erklärt Brosda im Gespräch mit Christoph Leibold.

Christoph Leibold: Der Untertitel Ihres Buches lautet “Die Bedeutung der Kultur für eine offene Gesellschaft”. Und diese Bedeutung, das machen sie gleich in der Einleitung klar, ist für sie absolut zentral. Denn die Einleitung schließt mit dem Satz: “Wenn wir den Grundkonsens der Freiheit und der Vielfalt sichern wollen, dann müssen wir über Kultur reden.” Wieso sind Kunst und Kultur nicht nur wichtig, sondern derart entscheidend?

Carsten Brosda: Naja, weil am Ende in kulturellen Fragen – und natürlich dann auch in künstlerischen Positionen – eingeschlossen ist, wie wir unsere Gesellschaft verstehen, welchen Sinn wir ihr beigeben und welche Werte und welche Normen wir am Ende des Tages in unserem alltäglichen Miteinander unterlegen. All das sind Themen, die in der Kunst, in der Kultur verhandelt werden. Insofern müssen wir uns immer wieder auch damit beschäftigen, auf welchen normativen Fundamenten unsere Gesellschaft eigentlich ruht. Ich glaube, es geht schon um die Frage, wie wir als Gesellschaft – und das ist vielleicht die entscheidende Frage – mit der Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten, die wir haben, umgehen können und wie wir es gleichzeitig schaffen, diese Vielfalt dadurch zu sichern, dass wir trotzdem eine gemeinsame Vorstellung von ein paar Dingen haben, die uns alle eint. Diese Frage: Bis wohin ist die Vielfalt möglich, und ab welchem Punkt geht es dann auch darum, gemeinschaftlich übereinzukommen, dass man diese Vielfalt sichern muss? Um diese Frage ranken sich viele der Diskussionen, die wir momentan in unserer Gesellschaft haben.

Das sie über die Bedeutung der Kunstfreiheit schreiben, hängt auch damit zusammen, dass sie diese bedroht sehen. Eine Bedrohung ist die durch den Rechtspopulismus. Dabei hätten dessen Positionen, wenn ich Ihr Buch richtig verstehe, auch Raum in einer Gesellschaft, die die Kunstfreiheit hochhält. Sie schreiben: “Kunst ist nicht an sich auf freiheitliche oder progressive Positionen bezogen. Sie besitzt keine vorherbestimmte inhaltliche Prägung. Sehr wohl aber bedarf sie zur freiheitlichen Realisierung einer progressiven Ordnung, die ihr die unabhängige Wahl der Positionierung ermöglicht.” Wenn ich das richtig verstehe, heißt das, dass eine freiheitliche Kunst in der Lage sein muss, auch reaktionären Positionen Raum zu geben. Im Extremfall auch solchen, die die Freiheit der Kunst selbst infrage stellen?

Naja, nur bis zu dem Punkt, an dem noch Gesprächsfähigkeit möglich ist. Das Entscheidende ist, wenn man sich zu einer gesellschaftlichen Debatte begegnet, ob man sich wechselseitig unterstellen kann, verständigungsfähig zu sein. In dem Moment, in dem jemand eine Position markiert, die da lautet “Ich habe Recht, völlig egal, was du sagst!”, wird es schwierig. Und insofern geht es schon darum, die Offenheit, also diese Rahmenbedingungen, die ich nenne, dann auch tatsächlich sicherzustellen. Und wer der Meinung ist, dass das nicht mehr gelten kann – wer also beispielsweise ganz praktisch fordert, dass es so etwas wie eine materiell zu definierende deutsche Nationalkultur gäbe, an deren Stärkung sich Förderentscheidungen von Gremien bemessen lassen müssten – der schränkt freiheitliche Positionen in der Kunst und Kultur ein. Und der kann dann logischerweise nicht mehr beanspruchen, prägender Teil einer gesellschaftlichen Debatte zu sein. Aber unter Akzeptanz der Vielfalt auch Positionen aufzunehmen, die tatsächlich widerborstig von allen Seiten sind, das muss dazugehören. Das muss eine gesellschaftliche Diskussion aushalten können, um in diesem Gespräch der Vielen dann das Vernünftige gemeinsam herauszumendeln.

Der kulturpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion Marc Jongen hat in einem Streitgespräch mit dem Sozialwissenschaftler Claus Leggewie im Magazin “Theater der Zeit” im Frühjahr beklagt, dass genau das, was Sie beschreiben, in der Praxis aber nicht stattfände. Alle, die von Pluralität sprächen, sagt Jongen, würden sie, sobald es ernst würde, unterbinden. Positionen, die vom linken Mainstream abweichen, würden von vornherein ausgegrenzt. Ist da was dran?

Ich halte das für eine ziemlich jämmerliche Selbstbezichtigung der eigenen Position. Was tatsächlich passiert, ist doch das Folgende: Wir erleben, dass vom rechten Rand her normativ festgesetzt wird, welche Kulturbegriffe Gültigkeit beanspruchen müssen und wie sich daran bestimmte andere Entscheidungen zu sortieren haben. Ich glaube eher, dass wir die Grenzen des Sagbaren in den letzten Jahren ausgedehnt und nicht verengt haben. Insofern ist da nicht viel dran. Was dahinter steckt – und das finde ich brandgefährlich – ist die Idee, dass staatlich errichtete Kulturinstitutionen dem Neutralitätsgebot des Staates zu folgen hätten. Man müsste dann ausrechnen, wieviel Prozent in einer Gesellschaft eigentlich welchen politischen Überzeugungen anhängen. Und gemessen an dieser prozentualen Schichtung müsste sich dann auch das Programm organisieren. Das halte ich für einen fatalen Irrtum. Entscheidend ist, dass die Kunstfreiheit unbedingt auch für Institutionen gilt. Insofern haben sie alle Freiheiten, die Positionen zu markieren, die aus ihrer Sicht die relevanten und sinnvollen sind. Und dann ist es an uns, als Gesellschaft daran anzuknüpfen, die Debatten zu führen, die wir für notwendig erachten.

Schauen wir noch auf die andere Seite, ins linksliberale Milieu: Auch da sehen Sie die Freiheit der Kunst durchaus bedroht. Sie nennen als Beispiel das Schicksal des Gedichts “Avenidas” von Eugen Gomringer, das 2018 von einer Hochschulfassade entfernt werden musste, weil es einige Studierende als sexistisch empfunden haben. Warum war diese Entscheidung in ihren Augen falsch?

Was wir an der Stelle erleben – in dem, was man heute identitätspolitische Debatten nennt – ist, dass der alte Gleichklang, den wir unterstellt haben – wir streiten mit der Kunstfreiheit gleichzeitig auch für die Äußerungsfreiheit bislang marginalisierter Gruppen –, dass der offensichtlich nicht mehr unhinterfragt gilt. Stattdessen kommen wir in eine Situation hinein, in der die Autorenschaft über die eigene Position innerhalb einer gesellschaftlichen Debatte höher gehalten wird. Und die Position wird insofern fester markiert, dass nur man selbst über seine eigene Position sprechen kann. Ich glaube, da ist etwas dran. Ich glaube aber auch, das Problem entsteht immer dann, wenn wir – wie im konkret vorliegenden Fall dieses Gedichtes – meinen, eine Freiheit auszudehnen, indem wir die andere Freiheit einschränken. Tatsächlich geht es doch darum, vor allen Dingen soziale und materielle Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass man die Freiheit der Äußerungen, die Freiheit der Selbstbestimmung und die Freiheit der Beschreibung der eigenen Position auch in der Kunst in Anspruch nehmen kann. Das ist im Kern eher eine soziale und eine gesellschaftliche Frage als eine Frage, wo wir versuchen müssen, zwei Freiheiten gegeneinander abzuwägen. Und ich hoffe, dass es uns gelingt, das auch wieder stärker in die Debatte zu bringen, weil wir natürlich Situationen haben, in denen einzelne Gruppen gesellschaftlich nach wie vor marginalisiert sind. Damit die ihre Freiheiten genauso in Anspruch nehmen können wie andere, müssen wir die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Die sind häufig noch nicht vorhanden.

“Die Kunst der Demokratie” von Carsten Brosda ist bei Hoffmannund Campe erschienen.

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