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Seelsorge in der Disko: Helga Bauermann ist mehr als nur Klofrau

Mit über 60 Jahren in einer Diskothek arbeiten? Die Frau muss verrückt sein. “Das ist sie in der Tat”, sagt Helga Bauermann über sich selbst. Um als Klofrau die Nacht zu überstehen brauche es ein dickes Fell und eine ordentliche Portion Humor.

40 Jahre lang hatte die zehnfache Oma keine Disko mehr betreten – der “wilde Disko-Typ” sei sie ohnehin nie gewesen, schreibt Helga Bauermann in ihrem Buch “Lassen Sie mich durch, ich bin Klofrau!” Mit 54 Jahren stößt sie auf die Stellenanzeige: “Toilettenfrau für Diskothek bei guter Bezahlung gesucht.”

“Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt …”

Erfahrungen als Reinigungskraft hatte sie bereits auf dem Straubinger Gäubodenfest gesammelt. Doch ihr Job in der Diskothek “Stars” stellte sich als facettenreicher als gedacht heraus. “Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich es mir vielleicht anders überlegt”, so Bauermann.

“Meine Aufgabe ist es, die Toiletten sauber zu halten, das Toilettenpapier aufzufüllen, wenn dann gespieben wird, den Dreck wegzumachen und auch ab und zu durchzuwischen. Man gewöhnt sich an alles, ich rieche das schon gar nicht mehr. Ich glaube, mein Riechorgan ist schon kaputt.” Helga Bauermann

Seelsorgerin vor dem Klo

Freitags, Samstags und auch vor Feiertagen kümmert sich Helga Bauermann von 22 Uhr bis 6 Uhr morgens nicht nur um die Sauberkeit der Toiletten, sondern wird auch mit den Befindlichkeiten der Gäste konfrontiert. Sie berät bei modischen Fragen, kümmert sich um Gäste, die zu viel getrunken oder sich verletzt haben und tröstet Teenies bei Liebeskummer.

“Bei den Mädels ist es oft ganz schlimm. Wenn die Burschen zu viel getrunken haben, kommen die Mädels in die Toilette und fangen das Heulen an, ihr Freund hat mit ihnen Schluss gemacht. Dann versuche ich Mutter Theresa zu spielen und sie zu trösten.” Helga Bauermann

In den Arm nehmen, Tränen trocknen, Aufmuntern und das Make-up restaurieren – all das sind die unerwarteten Zusatzaufgaben von Klofrau Helga. Sie hat schon viele Abende erlebt, an denen Freundschaften und Beziehungen zu Bruch gingen. Das hat Helga Bauermann in jungen Jahren selbst erlebt. Auch ihr Freund hat mit ihr in der Disko Schluss gemacht und mit einer anderen getanzt. Helga schnappte sich einen anderen Jungen und tanzte mit ihm. Aus der “Notlösung” – wie Bauermann damals dachte – wurde ihr Ehemann, sie sind seit 44 Jahren verheiratet. Gerne erzählt sie von skurrilen Begegnungen.

“Da war ein Bursche in der früh um viere, da steht er am Pissoir und knutscht mit der Wand. Dann frag ich: Hey was machstn du da? Er antwortet, er habe heute noch ein Date und wolle üben.” Helga Bauermann

“Wer daneben kotzt, zahlt 20 Euro!”

An die laute Musik musste sie sich erst wieder gewöhnen, genauso, wie an das Benehmen der Jugendlichen, das oft zu wünschen übrig lasse.

“Die Mädels schmeißen das Klopapier umeinander und die Burschen wissen oft nicht, wo sie ihre Getränke hinstellen sollen oder was sie zuerst in die Hand nehmen sollen, ihr gewisses Etwas oder ihr Getränk, und da geht halt vieles daneben.” Helga Bauermann

In ihrem Buch beschreibt Bauermann, wie sie schon am ersten Abend mit einer Gruppe von Jugendlichen konfrontiert war, die ihre Party zu später Stunde auf das Herren-Klo verlegten, wo sich einer der Betrunkenen lautstark neben die Toilette übergab. Sie, die Klofrau, die die Sauerei entfernen durfte, habe man danach auch noch angepöbelt.

Aus Erlebnissen, wie diesem, hat sie in den acht Jahren als Klofrau gelernt und eiserne Regeln eingeführt – die Androhung einer Strafe, wenn die betrunkenen Partygäste die Schüssel nicht treffen, reiche oft aus, um für mehr Sauberkeit zu sorgen. Hin und wieder bedanken sich aber auch Stammgäste, dass sie alles so sauber hält. Das sind die Momente, die ihr gut tun und in denen sie weiß, warum sie sich all die Nächte um die Ohren schlägt.