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Max Mannheimer: Mahner gegen das Vergessen

Max Mannheimer überlebte die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Dachau und berichtete bis zu seinem Tod vor drei Jahren unermüdlich von den grausamen Verbrechen der Nationalsozialisten. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Max Mannheimer hatte ein beinahe fotografisches Gedächtnis. Er erinnerte sich noch Jahrzehnte später genau an fast alles, was er in seinem langen Leben erlebt hatte, an alle Daten und Details. Für die nachfolgenden Generationen war das ein Glücksfall. Mannheimer, der lange Zeit nicht einmal seinen eigenen Kindern von seinem Schicksal während der NS-Zeit erzählt hatte, brach in den 1980er-Jahren sein Schweigen. Ab da brachte er tausenden Menschen – vor allem Schülerinnen und Schülern – in unzähligen Vorträgen und Zeitzeugengesprächen den Massenmord an den europäischen Juden nahe.

Für Max Mannheimer selbst war sein gutes Gedächtnis allerdings eher ein Fluch. Nichts von den schrecklichen Erlebnissen konnte er vergessen – nicht die Deportation aus seiner böhmischen Heimat ins Konzentrationslager Theresienstadt, nicht die Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau: “Das Schlimmste war die Selektion an der Todesrampe von Birkenau, als die Eltern auf die eine Seite geschickt wurden und wir Jüngeren auf die andere Seite. Ich wusste nicht, wo meine Schwester war, nicht wo meine Frau war, die ich kurz zuvor geheiratet hatte. Ich fragte einen Häftling: Was geschieht mit den älteren Leuten, was geschieht mit den Frauen mit Kindern? Er sagte: Die gehen durch den Kamin. Das war für mich der größte Schock.”

Überlebender der Todesfabrik Auschwitz-Birkenau

Max Mannheimer selbst überlebte die Todesfabrik, wurde weiter deportiert, erst nach Warschau, wo er mit seinem Bruder die Reste des kurz zuvor zerstörten jüdischen Ghettos wegräumen musste, dann in die Außenlager des KZ Dachau in Karlsfeld bei München und Mühldorf am Inn. Von dort aus wurden Mannheimer und seine Leidensgenossen schließlich in einem Evakuierungszug Richtung Süden geschickt. Ende April 1945 wurden die halbtoten Häftlinge nahe Tutzing am Starnberger See von US-amerikanischen Truppen befreit. Max Mannheimer, damals völlig abgemagert und an Typhus erkrankt, notierte später über diesen Tag: “Wiedergeboren 30.04.45 in einem Güterwagon in der Nähe von Tutzing”.

Der 25-jährige Mannheimer kehrte zurück nach Böhmen und schwor sich, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Doch die Liebe zu der deutschen Widerstandskämpferin Elfriede Eiselt stimmte ihn um. Die beiden zogen mit ihrer gemeinsamen Tochter Eva nach München. Als Elfriede 1964 an Krebs starb, schrieb Mannheimer erstmals seine Lebensgeschichte auf – doch das Manuskript blieb vorerst in der Schublade.

Malerei als Traumabewältigung

Seine schrecklichen Erlebnisse behielt er noch jahrzehntelang für sich. Über das Trauma hinweg halfen ihm Medikamente – und die Kunst. Inspiriert von der abstrakten Malerei Wassily Kandinskys griff er 1954 zum ersten Mal zu Bleistift und Pinsel, um – wie er es selbst beschrieben hat – “die Vergangenheit zu übermalen.”

Hunderte Werke entstanden in den folgenden Jahren, alle ohne Titel und signiert mit dem Pseudonym Ben Jakov – Sohn des Jakob – in Erinnerung an seinen von den Nazis ermordeten Vater. “Das Malen hat mir sehr geholfen, da habe ich die Vergangenheit in den Hintergrund gedrängt”, sagte Mannheimer einmal. “Vergessen kann man es nie, leider ist es bei mir so, dass ich sogar die Details nach soundso vielen Jahren immer in meinem Gedächtnis gespeichert habe.”

Die Erinnerung bleibt

1975 zeigte Mannheimer seine farbenprächtigen, meist spontan entstandenen Bilder erstmals der Öffentlichkeit, es folgten zahlreiche Ausstellungen.

Die Malerei und das Erzählen, so hat er es immer wieder betont, halfen ihm, weiterzuleben. Bis zu seinem Tod am 23. September 2016 erhielt Max Mannheimer zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen. Inzwischen sind nach ihm Schulen, Gemeinde- und Jugendbegegnungshäuser, Straßen und Plätze benannt. Und was ihn sicher besonders gefreut hätte: In Bad Aibling finden seit 2018 alljährlich Max-Mannheimer-Kulturtage statt.

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