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“Ich spiele alles, wenn es eine gute Rolle ist”

In der Komödie “Enkel für Anfänger” wird Heiner Lauterbach zum Leih-Opa, der sich zur Kinderbetreuung engagieren lässt. Ein Gespräch über das Älterwerden, Songs von Reinhard Mey – und wie es sich anfühlt, die eigenen alten Filme anzusehen.

“Heiner Lauterbach ist einer unserer ganz großen Filmstars”, sagt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der Lauterbach bei der Filmpreis-Gala am 17. Januar den Ehrenpreis des Ministerpräsidenten verleiht. Nun ist Lauterbach in der Komödie “Enkel für Anfänger” wieder in den Kinos zu sehen. Judith Heitkamp im Gespräch mit dem Schauspieler, der seit über vier Jahrzehnten im Film- und Fernsehgeschäft ist.

Judith Heitkamp: “Einer unserer großen Stars” – das ist ja eine dicke bayerische Umarmung für einen Kölner. Sie stammen ursprünglich aus Köln, leben aber schon lange in München und Umgebung. Gibt es Kölsches und Münchnerisches an Ihnen?

Heiner Lauterbach: Ich schätze sowohl als auch, einmal Kölner, immer Kölner. Ich würde aus meinem Herzen keine Mördergrube machen – in Bayern ist es sehr schön. Die Leute sind nett, es ist sauber und sicher, um es mal auf so pragmatische Punkte zu reduzieren.

Was ist das Kölsche?

Die Liebe zum 1. FC Köln zum Beispiel. Die unverzagte Hoffnung, dass er eines Tages auch wieder guten Fußball spielen wird – Optimismus sagt man dem Rheinländer ja nach. Ich habe als Kind sehr gerne Karneval gefeiert. Die Liebe zum Verkleiden und Maskieren und Anmalen hat etwas nachgelassen, als ich das dann hauptberuflich machen musste.

Sie haben in über 200 Filmen mitgespielt – und immer noch denken alle an “Männer”, an die Komödie, die Doris Dörrie 1985 mit Ihnen und Uwe Ochsenknecht gedreht hat. 35 Jahre ist das jetzt her. Wenn Sie heute darauf gucken, was ist für Sie das Besondere an dem Film?

Zunächst mal muss man das ein bisschen zurechtrücken, es waren über 200 Film- und Fernsehproduktionen. Dazu gehören zum Beispiel 24 Folgen “Faust”, 15 Folgen “Eurocops”, ungefähr sechs Sechs-Teiler, so kommt man dann auf so eine große Zahl. Tja, ich bin immer wieder erstaunt, wie gut Uwe damals aussah (lacht). Ich mochte den Film wirklich gerne, vom ersten Moment an. Ich kann mich daran erinnern, wie ich in der Bavaria-Kantine saß, das Drehbuch las und so vor mich hin gelacht habe. Das war Liebe auf den ersten Blick. Aber vor ein paar Jahren habe ich den Film noch einmal angeschaut, nach sehr langer Zeit, weil meine Tochter ihn gerne sehen wollte, und da habe ich schon festgestellt, dass er eben doch so alt ist, wie er ist. Mit “Männer” tu’ ich mich inzwischen schwer, den anzuschauen. Im Gegensatz zu “Rossini” zum Beispiel. Der ist ja nur etwa zehn Jahre später gemacht worden – und den finde ich zeitloser.

Beide Filme haben sehr viele Menschen ins Kino gezogen. Das kann man auch von vielen anderen Produktionen sagen, bei denen Sie dabei waren, aus jüngerer Zeit etwa “Willkommen bei den Hartmanns” oder “Der Fall Collini”, alles beim Publikum sehr erfolgreiche Filme – wenn man das in Zuschauerzahlen misst. Woran messen Sie den Erfolg eines Films?

Für mich persönlich gibt es die Top Ten der Filme, bei denen ich mitgewirkt habe. Und dann gibt es ganz sicher die Top Ten der kommerziell erfolgreichsten Filme, bei denen ich mitgemacht habe. Der eine oder andere Film wird sich decken, aber viele der Lieblingsfilme tauchen in der kommerziellen Liste nicht auf.

Was steht auf Platz eins der persönlichen Liste?

“Harms”.

Ein unabhängiges Filmprojekt, bei dem Sie selbst nicht nur Schauspieler waren, sondern auch Produzent.

Ja, ich habe den produziert mit meinem Freund Niki Müllerschön. Man dreht jeden Euro zehnmal um und ist auf die Gunst von Filmschaffenden und Schauspielern angewiesen. Und dann kann man das machen – von denen Filmen, die ich gemacht habe, mein Lieblingsfilm.

Der Ehrenpreis des Ministerpräsidenten beim Bayerischen Filmpreis war nicht der erste Preis, den Sie bekommen haben. Sie haben “alles gewonnen, was es in Deutschland zu gewinnen gibt” – so steht es auf Ihrer Seite mit Online-Kursen, in denen Sie denjenigen, die diese Kurse buchen, das Geheimnis Ihres Erfolgs verraten. Was ist denn das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Wenn man es auf Stichworte begrenzen möchte, würde ich Glück an die erste Stelle setzen. Damit ist eigentlich alles gesagt – auch, dass man Talent hat, ist eine Glücksfrage. Das ist natürlich sehr unbefriedigend für den Zuhörer, das weiß ich auch, aber auch wenn ich viel dafür getan habe und fleißig war, ist es letztendlich Glückssache, dass meine Veranlagung so ist. In meinem Fall war vieles von Zufällen begleitet, die ganze Karriere – mein Freund hat mich mit angemeldet an der Schauspielschule, hat mir das erste Theater-Engagement verschafft und mich in die Synchronwelt eingeführt in München. Daraus entstand dann die erste Hauptrolle im Fernsehen und daraus die erste Hauptrolle im Kino. Dieser Glücksfaktor, der ist da wirklich zu sehen in der Retrospektive.

Sie haben schon zwei Autobiografien geschrieben. Sie haben überhaupt immer ein sehr öffentliches Leben geführt, inklusive aller Abstürze und der Bekehrung zum gesund lebenden Familienvater. Haben Sie manchmal Momente, in denen Sie sich wünschen, dass nicht alle über alles Bescheid wissen?

Ja … nicht so direkt. Ich befasse mich eigentlich kaum mit Dingen, die man nicht verändern kann. Mit dem Älterwerden zum Beispiel: Pausenlos reden die Leute über das Älterwerden und wie schlimm das ist – solche Sachen stehen für mich nicht zur Debatte, es ist so, wie es ist.

Um Älterwerden und Altsein geht es auch in ihrem neuen Film, der BR-Koproduktion, “Enkel für Anfänger”. Eine Komödie, die nicht nur, aber besonders das wachsende Segment älterer Zuschauerinnen und Zuschauer unterhalten wird. Sie spielen einen Leih-Opa. Haben Sie da gezuckt, als Sie zum ersten Mal von der Rolle hörten?

Nein, ich habe ja schon, für dieselbe Produktionsfirma übrigens, einen schwulen Urgroßvater gespielt, der auf Mykonos lebt. Ich spiele alles, wenn es eine gute Rolle ist, und das war es in dem Fall.

Die drei Hauptfiguren, die sich als Leih-Großeltern engagieren lassen, die bedienen verschiedene Klischees: Es gibt die alt gewordene Hippie-Erzieherin, es gibt den Ruhestand mit Modelleisenbahn und Garten, und Sie sind derjenige, der den einsamen, verbitterten Menschenfeind spielt. Gibt’s da ein Modell, dem Sie sich persönlich am ehesten nah fühlen?

Die Hippie-Frau will ich mal weglassen. Sagen wir mal, ich war früher schon ein extremer Menschenfreund. Meine Freundinnen haben mir gesagt: Heiner, das ist ja furchtbar, du verstehst jeden und magst jeden, das ist unerträglich. Das hat sich schon ein bisschen in Richtung Misanthropie verändert. Aber als Menschenfeind könnte man mich nicht bezeichnen.

An einer Stelle müssen Sie Ihren Leih-Enkel in den Schlaf singen und tun das dann mit “Über den Wolken” von Reinhard Mey, in den 1970ern an allen Lagerfeuern zu hören. Konnten Sie den Text noch?

Ähm, nein. Ich war in den 1970ern nicht an Lagerfeuern, eher in Kneipen, und ich habe nicht “Über den Wolken” gesungen. Den Text musste ich mir aneignen. Aber einige Stücke von Reinhard Mey fand ich sehr gut, obwohl das überhaupt nicht unsere Musik war damals. Super Gitarrist. “Über den Wolken” fand ich schön.

“Enkel für Anfänger” erzählt von neuen Aufbrüchen – aber auch davon, dass mit Mitte 60 manche Aufbrüche sehr schnell wieder enden können. “Die Wirklichkeit ist beige”, sagt Maren Kroymann am Anfang. Wie ist denn Ihr Lebensgefühl? Beige?

Das würde ich nicht sagen. Mein Gefühl ist schwarz-weiß bis farbig, alles Mögliche. Ich unterliege auch starken Gefühlsschwankungen, aber das tut jeder Mensch und das hat seine Richtigkeit. Immer gut drauf sein, das wäre ähnlich unerträglich wie ein ewiges Leben zum Beispiel. So, wie das eingerichtet ist, ist es irgendwo ganz sinnvoll.

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