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Helfen Tiny Houses, wenn bezahlbarer Wohnraum knapp ist?

Der Architekt Van Bo Le-Mentzel entwirft Mini-H√§user mit wenigen Quadratmetern Wohnfl√§che ‚Äď sogenannte Tiny Houses. Auch er selbst wohnt mit vier Menschen auf blo√ü 55 Quadratmetern und glaubt: Unsere St√§dte brauchen mehr flexibel nutzbare R√§ume.

Tiny Houses sind voll funktionsf√§hige Mini-H√§user, in denen sich alles, was man zum Leben braucht, auf nur wenigen Quadratmetern ballt. Beim Berliner Architekten Van Bo Le-Mentzel, einem der Gr√ľnder dieses Wohn-Konzepts, kommen Minimalismus und Stil zusammen ‚Äď das kann man derzeit auf dem M√ľnchner Tollwood sehen. Dort steht eine Tiny House-Variante des ber√ľhmten Dessauer Bauhauses. Joana Ortman hat mit Van Bo Le-Mentzel √ľber sein eigenes Wohnen, das Tiny-House-Konzept und das verkleinerte Bauhaus-Geb√§ude gesprochen.

Joana Ortmann: Um wie viel geschrumpft ist das Bauhaus-Tiny Haus auf dem Tollwood, Herr Le-Mentzel?

Van Bo Le-Mentzel: 1 zu 6 ist der Ma√üstab von dem Haus, das wir √ľbrigens Wohnmaschine nennen, inspiriert von Le Corbusier. Wir gehen aber sehr kritisch mit diesem Begriff um. 1 zu 6 ist ungef√§hr der Ma√üstab von Menschen zu Barbiepuppen. Drinnen gibt es eine voll funktionsf√§hige Zweizimmerwohnung mit K√ľche und Bad, ein Prototyp, um neuartige Wohnformen auszuprobieren. Ich nenne diese Wohnform Wonder-Home‚Ķ

Sie nennen diese Wohnform Wonder-Home …

Ich bin gepr√§gt durch Superman und Batman aus den 80er-Jahren. Und diese Zweizimmerwohnung macht ja auch auf wundersame Art und Weise ganz viele verschiedene Dinge m√∂glich. Zuallererst ist es ein konstruktiver Beitrag in einer Zeit, in der bezahlbare Wohnr√§ume knapp sind. Nehmen wir zum Beispiel junge Paare. Die k√∂nnen dort unterkommen, ohne dass sie bis auf ihr letztes Hemd alles hergeben m√ľssen. Es hei√üt ja immer: Bezahlbarer Wohnraum darf ein Drittel des Einkommens kosten ‚Äď und das ist meiner Meinung nach hier m√∂glich.

Die Kritiker sagen oft: Tiny Houses sind eine nette Übergangsidee, aber mehr auch nicht. Können sie auch ein anderes Lebenskonzept sein?

Ich denke, dass die H√§user schon dazu inspirieren, dar√ľber nachzudenken, wie tempor√§r manche Fragen gekl√§rt werden k√∂nnen. Man denke nur an die vielen Studentinnen und Studenten, die ein Jahr in Turnhallen schlafen oder unter sonstigen prek√§ren Bedingungen unterkommen. Das muss nicht sein. Warum schlafen die nicht in Tiny H√§usern? Es muss ja nicht f√ľrs Leben sein, aber zumindest f√ľr einige Monate. In der Zeit kann man sich soziale Netzwerke aufbauen.

Und warum nicht f√ľr l√§nger? Kann so ein Konzept nicht gr√∂√üer und grunds√§tzlicher gedacht werden?

Wir h√§ngen mit unseren planerischen Fantasien so ein bisschen den 1950er-Jahren nach. Wir planen so f√ľrs Leben, die Ehe, die Doppelhaush√§lfte und so weiter. Aber die Realit√§t zeigt, dass 40 Prozent aller Menschen Singles sind, vor allem in Gro√üst√§dten. Und auch Ehen halten oftmals nicht ewig. Und wohin dann mit der Doppelhaush√§lfte, wenn die Kinder ausgezogen sind? Das hei√üt: Wir m√ľssen anders planen, wir m√ľssen eher R√§ume schaffen, die sich an die verschiedenen Situationen anpassen k√∂nnen. Ich glaube nicht daran, dass es einen Raum gibt, der allen verschiedenen Bedingungen des Menschen zwischen 0 bis 90 Jahren standhalten kann. Wir m√ľssen viel flexibler denken, wie wir die Stadt benutzen, B√ľro- und Wohnr√§ume, Kitas, Seniorenheime, Museen oder Shopping-Malls, die nicht mehr gebraucht werden.

Inwiefern ist da der R√ľckgriff auf das Bauhaus interessant?

Vor hundert Jahren hat das Bauhaus den Wandel von Monarchie zur Demokratie visuell und gestalterisch begleitet. Heute, w√ľrde ich mal behaupten, befinden wir uns in einer √§hnlichen Transformation. Wir haben es jetzt mit ganz vielen Unsicherheiten zu tun. Wir sehen Menschen im Mittelmeer ertrinken. Wir haben auf einmal so etwas wie das bedingungslose Grundeinkommen. Erwerbsarbeit ist nicht mehr das Modell der Zukunft. Und wenn wir uns anschauen, wie die zunehmende Automatisierung im Arbeitsbereich vonstatten geht, m√ľssen wir uns dringend neuen Konzepten stellen, und Arbeitsr√§ume, Wohnr√§ume haben damit sehr viel zu tun. Von daher gibt es da sehr viele Parallelen zum Bauhaus.

Sie selber haben gerade ein Projekt mit dem Titel “Disney-Demokratie” eingereicht. Was hat es damit auf sich?

Ich tr√§ume von einem Ort, an dem vor allem Kinder und Familien spielerisch ihre Grundrechte lernen k√∂nnen. Das ist ja eigentlich sehr traurig. Bis auf den ersten Artikel ‚Äď “Die W√ľrde des Menschen ist unantastbar” ‚Äď kennt kaum jemand die Grundrechte genauer. Zum Beispiel Artikel 14: “Eigentum verpflichtet”. Und wirklich revolution√§r, der zweite Satz: “Sein Gebrauch soll zugleich dem Allgemeinwohl dienen”. Wenn man das ernst nimmt, wenn man sagt, wir wollen Demokratie wirklich leben, dann m√ľssten wir da schon mal ran. Und ich versuche das jetzt mit meinen Tiny Houses.

Wie wohnen Sie eigentlich selber?

Relativ klein. Ich bin mit meiner Frau und unseren beiden Kindern in einer Zweizimmerwohnung in Kreuzberg, zwischen Rathaus und dem “Tutti Frutti”, Berlins √§ltestem Puff. Das sind 55 Quadratmeter, was nat√ľrlich zu klein f√ľr eine vierk√∂pfige Familie w√§re ‚Äď wenn wir uns 24 Stunden darin aufhalten w√ľrden. Aber wir sind ja in Berlin und sind st√§ndig im Caf√©, in den Museen, auf den Spielpl√§tzen, im Schwimmbad. Wir sind eigentlich immer nur drau√üen.

Sie haben sich Ihr “Tiny House” also in einer bestehenden Wohnung eingerichtet?

Ich denke, so macht das auch Sinn. Man muss Tiny Houses eher so sehen wie ein Instrument in einem gro√üen Orchester. Die Stadt ist ein Orchester und spielt verschiedene Symphonien. Es w√§re sehr naiv zu glauben, dass ein einziges Instrument dazu reicht. Da braucht es schon die erste Geige, die Bl√§ser, den Bass und so eine ganz kleine Piccolo-Fl√∂te. Manchen w√ľrde es gar nicht auffallen, wenn die fehlt, aber mir w√ľrde es sofort auffallen, wenn diese kleinen wichtigen Instrumente nicht mit spielen.

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