Press "Enter" to skip to content

Bayerischer Kabarettpreis 2020 für Max Uthoff

Den Deutschen Kabarettpreis hat er schon, nun bekommt Max Uthoff auch den Bayerischen. Außerdem wird Maren Kroymann mit dem Ehrenpreis, Tahnee mit dem Senkrechtstarter-Preis und Sebastian Krämer mit dem Musikpreis ausgezeichnet.

Max Uthoff gilt als der Professor unter den Kabarettisten. Wie in einer universitären Vorlesung stellt Max Uthoff Thesen, Antithesen und Synthesen in atemberaubendem Tempo gegeneinander. Mit schnarrend-schneidender Stimme nimmt er sich das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Geschehen in Deutschland vor und fordert von seinen Zuhörern vor allem eins: Den eigenen Denkapparat in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen.

Für diese Performance, in der Uthoff Politikerlügen entlarvt oder Wirtschaftszusammenhänge auseinanderklamüsert, bekommt der gebürtige Münchner nun den Bayerischen Kabarettpreis. Humor mit Aha-Effekt, den der studierte Jurist Uthoff im konservativen Auftrittsanzug präsentiert – in schönem Kontrast zu seinen mitunter radikalen Thesen.

Maren Kroymann, die in diesem Jahr den Ehrenpreis des Bayerischen Kabarettpreises bekommt, ist seit Jahrzehnten auf der Bühne und im Fernsehen präsent. Schon immer sind es frauenemanzipatorische Themen, die die 70-Jährige bewegen. Aus diesem Komplex schöpft sie ihre Figuren, die sie genau beobachtet, exakt umsetzt und damit die ganze Bandbreite möglicher Frauenbiografien reflektiert.

Elegant und stilsicher parodiert sie Brigitte Macron oder Ursula von der Leyen, verhuscht und ganz in beige gibt sie schwäbische Sekretärinnen, im sexy Outfit imitiert sie Claudia Schiffer oder redet als Uschi Glas ungeniert über Facelifting. Doch genau so, wie sie das Gebaren ihrer Geschlechtsgenossinnen aufs Korn nimmt, deckt sie Diskriminierungen, strukturellen Frauenhass oder überholte Rollenbilder auf. Denn Maren Kroymann teilt nie nur in eine Richtung aus: Ob Rassismus, Machogehabe, Verschwörungstheorien, Schönheitswahn oder Selbstoptimierung – sie entlarvt gekonnt die unter der Oberfläche der Gesellschaft brütenden Verwerfungen. Dabei ist sie nicht böse oder gemein, sie verurteilt niemanden, sondern zeigt Zusammenhänge so auf, dass man das Nachdenken darüber gerne selbst übernimmt.

Intelligent, wandlungsfähig, selbstbewusst, präsent, authentisch: Tahnee ist all dies und noch so viel mehr. Ihre Comedy-Nummern sind immer auch politisch, ihre Kabarett-Darbietungen umwerfend komisch. Die kaum 28-jährige gebürtige Heinsbergerin liebt die Kontraste – fast immer ist sie schwarz gekleidet, umso mehr leuchten ihre feuerroten Locken dazu. Sie hat aber keine Angst vor Hässlichkeit: In ihren Nummern grimassiert sie hemmungslos und zieht verstörende Duckfaces. Ihrer klaren Stimme entlockt sie unfassbar schiefe und schräge Töne. Dazu beherrscht sie in rasendem Wechsel die kuriosesten Dialekte und Akzente und lässt in Sekunden plastische Figuren auf der Bühne entstehen, deren Lebensgeschichte man nach drei, vier Sätzen in Gänze zu erfassen meint. Auch ihre Parodien zünden immer sofort. Tahnee ist eine Rampensau, im besten Sinne des Wortes. Wie selbstverständlich Tahnee mit dem Publikum interagiert, es spontan einbindet, sich mit ihm verbündet oder es auch mal verspottet, ist große Kunst. Denn dann wirken ihre Energie und ihr Humor wie ein Katalysator und jeder im Raum muss sich am Ende des Abends einfach großartig fühlen.

Seine breiten Krawatten mit dem exaltierten Van-Wijk-Knoten zum Anzug haben etwas Anachronistisches, doch man täusche sich nicht: Während Sebastian Krämer so harmlos, ein wenig wie aus der Zeit gefallen daherkommt, sind seine Inhalte höchst aktuell. Seine Texte laden nicht zum Mitdenken ein, sie fordern dazu heraus. Stets muss man als Zuschauer präsent sein, ahnt man am Anfang doch selten, worauf die Liedtexte des gebürtigen Ostwestfalen und Wahlberliners am Ende hinauslaufen. Wenn er von einem Hotelgast singt, könnte es um Einsamkeit gehen in Zeiten der Globalisierung, um Wirtschaftlichkeit in allen Lebenslagen – aber nein, es geht um das TV-Standby-Lämpchen im Hotelzimmer, das einem den Schlaf raubt.

Fallhöhe in alle Richtungen, das ist Sebastian Krämers Markenzeichen. Bei ihm wird Kleines groß und Großes klein. Der 44-Jährige zeigt seinem Publikum: Ich verstehe die Welt genauso wenig wie ihr, ich bin von alldem dort draußen genauso überfordert – aber immerhin kann ich meine Unwissenheit und meine Unsicherheit in eine Form bringen. Und diese Form hat es in sich: Mit einem untrüglichen Gespür für Rhythmus, musikalischer Genialität und sprachlicher Präzision wirft sich Sebastian Krämer regelrecht in seine Nummern.

Für BR-Fernsehdirektor Dr. Reinhard Scolik beweisen die Preisträger des Bayerischen Kabarettpreises 2020 in ihren Auftritten Präzision, Timing und Sprachgefühl: “Wir freuen uns, solch großartige Künstlerinnen und Künstler wie Maren Kroymann, Max Uthoff, Sebastian Krämer und Tahnee auszeichnen zu dürfen.” Annette Siebenbürger, Leitung Programmbereich Unterhaltung und Heimat beim Bayerischen Rundfunk, erinnert daran, dass das Kabarett seit Anfang des 20. Jahrhunderts als zehnte Muse gilt. Und es sei bis heute unverzichtbar für die Gesellschaft: “Der BR verleiht in diesem Jahr zum 22. Mal den Bayerischen Kabarettpreis an Künstlerinnen und Künstler, für die die zehnte Muse Lebensinhalt ist und die mit großer Leidenschaft und Professionalität ihren Teil dazu beitragen, dass die Grundwerte einer offenen und demokratischen Gesellschaft immer wieder aufs Neue justiert und gestärkt werden.”

Der Bayerische Kabarettpreis ist eine Gemeinschaftsinitiative des Bayerischen Rundfunks und des Münchner Lustspielhauses. Seit 1999 wird der Preis jährlich in vier Kategorien an Künstler aus dem deutschsprachigen Raum verliehen. Er würdigt scharfsinniges Kabarett als unentbehrlichen Spiegel unserer Gesellschaft und des aktuellen Zeitgeschehens. Unter den Preisträgern früherer Jahre sind Georg Schramm, Josef Hader, Luise Kinseher und Christian Ehring.

Die Preisverleihung zum Bayerischen Kabarettpreis 2020 findet am 26. Oktober 2020 im Münchner Lustspielhaus statt und wird am Donnerstag, den 29. Oktober im BR Fernsehen ausgestrahlt.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht’s zur Anmeldung!

Ehrenpreis für Maren Kroymann

Senkrechtstarter-Preis für Tahnee

Musikpreis für Sebastian Krämer

Präzision, Timing und Sprachgefühl

Bayerischer Kabarettpreis 2020 für Max Uthoff